„Können Sie das in einer Sitzung machen?“ Patienten stellen diese Frage aus verständlichem Grund: weniger Termine, weniger Stress, schneller fertig. Die ehrliche Antwort: manchmal ja, manchmal nein — und die Entscheidung hängt vom klinischen Ausgangsbefund ab, nicht von der Praxisorganisation.
Die beste Ausgangssituation für eine einzeitige Wurzelkanalbehandlung ist ein vitaler Zahn mit irreversibler Pulpitis ohne Infektionszeichen. Hier ist das Kanalsystem noch nicht von Keimen kolonisiert — es reicht aus, die Pulpa zu entfernen, den Kanal sauber aufzubereiten und in derselben Sitzung dicht zu obturieren. Studien zeigen für diese Konstellation keine signifikant schlechtere Prognose als bei mehrzeitigem Vorgehen.
Auch eine traumatische Pulpaexposition bei gesundem Zahn und kurzer Kontaminationszeit kann einzeitig versorgt werden. Ebenso unkomplizierte Kaulmorphologie mit gut erreichbaren Kanälen und ausreichender Trockenheit des Feldes.
Bei avitalen Zähnen mit apikaler Parodontitis, sichtbarer periapikaler Aufhellung oder klinischen Infektionszeichen (Abszess, Fistel, Exsudat aus dem Kanal) ist das Kanalsystem mit Mikroorganismen besiedelt. Eine einzelne Sitzung reicht oft nicht um die Keimzahl ausreichend zu reduzieren. In diesen Fällen ist eine medikamentöse Einlage zwischen den Sitzungen sinnvoll.
Kalziumhydroxid als Zwischeneinlage über 1–4 Wochen hat einen pH-Wert von etwa 12,5 — stark alkalisch und antibakteriell wirksam gegen die meisten Wurzelkanalkeime inklusive Enterococcus faecalis (allerdings weniger effektiv als bei anderen Spezies). Es reduziert die Keimzahl signifikant und verbessert die Ausgangssituation für die Obturation.
Weitere Indikationen für mehrzeitiges Vorgehen: Rebehandlungen (Keimreduktion besonders wichtig), komplexe Kanalanatomien die mehrere Sitzungen für vollständige Aufbereitung benötigen, eitrige Exsudation aus dem Kanal die nicht sistiert, und Fälle wo die Obturation in einer Sitzung qualitativ nicht sicher erreicht werden kann.
Mehrere Cochrane Reviews und Metaanalysen haben ein- und mehrzeitiges Vorgehen verglichen. Das Ergebnis ist konsistent: bei vitalen Zähnen und unkomplizierten Fällen gibt es keinen signifikanten Unterschied in der Heilungsrate. Bei infizierten Zähnen mit periapikaler Aufhellung tendieren die Daten leicht zugunsten des mehrzeitigen Vorgehens — aber der Unterschied ist statistisch oft nicht signifikant.
Was das bedeutet: für Routinefälle ist die Entscheidung flexibel. Für komplizierte Infektionsfälle spricht die klinische Logik für mehrzeitiges Vorgehen. Die Leitlinienempfehlung der ESE lässt beide Vorgehensweisen zu und betont die klinische Beurteilung des Einzelfalls.
Erfolg ist definiert als klinisch symptomfreier Zahn mit röntgenologisch stabilen oder sich verbessernden periapikalen Verhältnissen. Kontrolle nach 6 Monaten, 12 Monaten, dann jährlich für 2–4 Jahre. Eine persistierende oder wachsende Aufhellung nach 12 Monaten ist ein Hinweis auf Therapieversagen — dann Rebehandlungsindikation prüfen.