Endodontie Vertiefung 6 Min

Endodontie unter Antikoagulation

Schritt 1 ·

Was du danach erklären kannst

Der häufigste Fehler bei diesen Patienten ist nicht die Blutung, sondern das Absetzen. Die Leitlinie ist an dieser Stelle ungewöhnlich deutlich.

1Warum die Frage bei der Endodontie meist gar nicht entstehtDer Kanal ist kein blutführendes Gewebe.
2Was die Leitlinie zum Absetzen sagtUnd warum die verbreitete Praxis nie sauber belegt wurde.
3Wie Eingriffe nach Blutungsrisiko eingeteilt sindDrei Situationen fallen in die höhere Gruppe.
4Was lokal tatsächlich hilftEin Mittel mit guter Datenlage, das viele nicht auf dem Schirm haben.
6 MinutenVertiefung3 Selbstcheck-Fragen4 Quellen

„Soll ich die Tabletten weglassen?“

Sprechstunde71 Jahre, Wurzelkanalbehandlung an 36 geplant. Der Patient nimmt einen Vitamin-K-Antagonisten. „Mein Hausarzt sagt, ich soll die Tabletten drei Tage vorher weglassen. Muss ich das wirklich?“

Für eine nicht-chirurgische Wurzelkanalbehandlung: nein. Und diese Antwort gehört auch dem Hausarzt zurückgemeldet, freundlich und mit Begründung.

Der springende PunktEine nicht-chirurgische Wurzelkanalbehandlung ist kein chirurgischer Eingriff. Das Kanalsystem ist kein blutführendes Gewebe — es gibt keine Wundfläche, aus der nachblutet.

Was die Leitlinie sagt

Die S3-Leitlinie zur zahnärztlichen Chirurgie unter Antikoagulation ordnet zahnärztlich-chirurgische Eingriffe grundsätzlich den invasiven Methoden mit eher niedrigem Blutungsrisiko zu. Ein allgemein erhöhtes Risiko wird nur für drei Situationen angenommen: infizierte Wunden und Abszesse, Wunden im Bereich des Mundbodens oder des Sinus maxillaris sowie Eingriffe im retromaxillären Raum.

Zum Bridging findet sich in der Leitlinie eine bemerkenswerte Feststellung: Die verbreitete Annahme, eine Unterbrechung der oralen Antikoagulation ohne Ersatztherapie führe zu einem dreifach erhöhten Embolierisiko, geht auf eine Arbeit aus dem Jahr 2000 zurück — ein methodisch korrekter Nachweis für diese Risikobewertung wurde nicht erbracht.

Das Absetzen ist nicht deine Entscheidung und in aller Regel auch nicht nötig. Bei einer nicht-chirurgischen Wurzelkanalbehandlung stellt sich die Frage gar nicht erst. Wird sie von außen aufgeworfen — etwa durch die hausärztliche Praxis — ist die sachliche Rückmeldung der richtige Weg: Für diesen Eingriff besteht keine Indikation zur Unterbrechung.

Bei chirurgischen Eingriffen: Wurzelspitzenresektion, Inzision eines Abszesses, Eingriffe mit Knochenzugang. Dort gilt die Leitlinie unmittelbar, dort gehört der aktuelle Gerinnungsstatus erhoben und dort ist die Abstimmung mit der behandelnden internistischen oder kardiologischen Praxis vorgesehen.

Was du tatsächlich anpasst

Bereich Vorgehen
Nicht-chirurgische Behandlung Keine Änderung der Medikation, normales Vorgehen
Anästhesie Aspirieren, langsam injizieren, unnötige Stichkanäle vermeiden
Chirurgischer Eingriff Leitlinie anwenden, Gerinnungsstatus erheben, interdisziplinär abstimmen
Lokale Blutstillung Tranexamsäure als Spülung ist nach Leitlinie eine wirksame Option
Absetzen Niemals eigenständig veranlassen
⚠️ Tranexamsäure

Die Leitlinie beschreibt die Anwendung als Spülung nach dem chirurgischen Eingriff, im angloamerikanischen Raum verbreitet und erfolgreich eingesetzt. Auch verkürzte Anwendungsschemata zeigten vergleichbare Ergebnisse. Das ist ein lokales Mittel mit guter Datenlage, das die Frage nach dem Absetzen zusätzlich entschärft.

Drei Fragen

Bei einem antikoagulierten Patienten steht eine nicht-chirurgische Wurzelkanalbehandlung an. Welche Aussage trifft nicht zu?

Die dritte. Für einen Eingriff ohne Wundfläche gibt es keinen Anlass, den Gerinnungsstatus zu erheben. Anders bei chirurgischen Eingriffen — dort sieht die Leitlinie das ausdrücklich vor.Offene FrageUnd wenn der Patient gleichzeitig einen Abszess hat, der inzidiert werden muss? Dann ändert sich die Lage: Infizierte Wunden gehören nach der Leitlinie zu den Situationen mit erhöhtem Blutungsrisiko.

Welche Situationen gelten nach der Leitlinie als zahnärztlich-chirurgische Eingriffe mit erhöhtem Blutungsrisiko?

Drei. Zahnärztlich-chirurgische Eingriffe zählen grundsätzlich zu denen mit eher niedrigem Blutungsrisiko — die genannten drei Situationen sind die benannten Ausnahmen.Offene FrageWie steht es um die Aktualität dieser Einteilung? Die Gültigkeit der Leitlinienfassung ist abgelaufen, eine Überarbeitung steht aus. Die Grundaussagen werden in der Fachliteratur weiterhin so vertreten — wer sich darauf stützt, sollte den Stand kennen.

Der Hausarzt hat dem Patienten geraten, das Präparat drei Tage vorher abzusetzen. Wie gehst du damit um?

Die erste. Die Empfehlung beruht auf einer Fehleinschätzung des Eingriffs, nicht auf Patientenkenntnis. Ihr kommentarlos zu folgen setzt den Patienten einem Risiko aus, das durch nichts aufgewogen wird.Offene FrageWie formuliert man das, ohne die Kollegin zu brüskieren? Über den Eingriff, nicht über die Empfehlung: „Für die Wurzelkanalbehandlung entsteht keine Wundfläche, deshalb ist keine Anpassung nötig.“ Das ist sachlich und lässt beiden Seiten die Rolle.

Das, was hängenbleiben soll

Wo keine Wunde entsteht, entsteht auch keine Blutungsfrage.

Quellen

  • S3-Leitlinie „Zahnärztliche Chirurgie unter oraler Antikoagulation / Thrombozytenaggregationshemmung“, AWMF-Register-Nr. 083-018, Stand August 2017. Federführend DGZMK und DGMKG unter Beteiligung von DEGAM, DGI und Deutscher Gesellschaft für Kardiologie. Hinweis: Die Gültigkeit dieser Fassung ist abgelaufen.Deckt ab: Einteilung zahnärztlicher Eingriffe nach Blutungsrisiko, Vorgehen bei oraler Antikoagulation und Thrombozytenaggregationshemmung, Bewertung des Bridgings, lokale Blutstillung mit Tranexamsäure
  • Kämmerer PW, Al-Nawas B. Praxisorientierte Umsetzung der S3-Leitlinie „Zahnärztliche Chirurgie unter oraler Antikoagulation / Thrombozytenaggregationshemmung“. Übersichtsarbeit zur Einteilung zahnärztlich-chirurgischer Eingriffe nach Blutungsrisiko.Deckt ab: praxisorientierte Zuordnung einzelner Eingriffe zu den Risikogruppen
  • Duncan HF, Kirkevang LL, Peters OA et al. Treatment of pulpal and apical disease: the European Society of Endodontology (ESE) S3-level clinical practice guideline. International Endodontic Journal 2023.Deckt ab: Abgrenzung zwischen nicht-chirurgischer Wurzelkanalbehandlung und endodontischer Chirurgie
  • Ng YL, Mann V, Rahbaran S, Lewsey J, Gulabivala K. Outcome of primary root canal treatment: systematic review — Part 2. Influence of clinical factors. International Endodontic Journal 2008; 41: 6–31.Deckt ab: Einordnung der Behandlung in den endodontischen Behandlungsablauf

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