Endodontie Vertiefung 6 Min

Devitalisierende Einlagen — warum sie verschwunden sind

Schritt 1 ·

Was du danach erklären kannst

Ältere Patienten fragen danach, ältere Kollegen haben damit gearbeitet. Die Gründe für das Verschwinden dieser Präparate sind gut dokumentiert — und drastischer, als der Name der Substanz vermuten lässt.

1Wie diese Pasten wirkenUnd warum die Wirkung nicht an der Pulpa haltmacht.
2Was in der Literatur berichtet istNekrosen, Osteomyelitis, Nervschäden.
3Welche Evidenzstufe dahinterstehtFallberichte — und warum das hier trotzdem genügt.
4Was an ihre Stelle getreten istEine Alternative mit deutlich besserer Datenlage.
6 MinutenVertiefung3 Selbstcheck-Fragen5 Quellen

„Früher hat man mir immer erst eine Paste reingelegt“

Sprechstunde65 Jahre, Wurzelkanalbehandlung an 46 geplant. „Bei meinem alten Zahnarzt hat man mir immer erst so eine Paste reingelegt, damit der Nerv abstirbt. Das war viel angenehmer. Kann man das nicht wieder so machen?“

Die Erinnerung ist echt, und der Wunsch ist nachvollziehbar. Die Antwort lautet trotzdem nein — und sie lässt sich begründen, ohne den früheren Behandler schlechtzumachen.

Der springende PunktParaformaldehyd bleibt nicht in der Pulpa. Es diffundiert durch Dentin und setzt dabei Formaldehyd frei — in Gewebe, das nicht gemeint war.

Warum die Wirkung nicht an der Pulpa haltmacht

Paraformaldehyd setzt allmählich Formaldehyd frei. Die Substanz bleibt dabei nicht auf die Pulpa beschränkt: Sie dringt durch das Dentin und erreicht über Seitenkanäle, das Foramen und den Parodontalspalt das umgebende Gewebe. Formaldehyd wirkt dort zerstörend auf Weichgewebe und Knochen.

Ein gebräuchliches Präparat enthielt 49 Prozent Paraformaldehyd. In der publizierten Kasuistik finden sich nach seiner Anwendung Gingivanekrosen, ausgedehnte Nekrosen des Alveolarknochens, Osteomyelitis des Unterkiefers und ein allmählicher Sensibilitätsverlust benachbarter Zähne.

Fallberichte stehen auf einer niedrigen Evidenzstufe, und normalerweise wäre das ein Grund zur Zurückhaltung. Hier liegt der Fall anders: Es geht nicht um die Frage, ob ein Verfahren wirksamer ist als ein anderes, sondern darum, ob ein bekannter Schadensmechanismus in Kauf genommen wird, obwohl eine gleichwertige und nebenwirkungsärmere Alternative zur Verfügung steht. Für diese Abwägung genügt der dokumentierte Schaden.

Die Autoren einer Fallserie halten fest, dass es weder eine Indikation noch eine Notwendigkeit für devitalisierende Präparate gebe und ihre fortgesetzte Anwendung nicht zu rechtfertigen sei. Zugleich weisen sie darauf hin, dass diese Materialien international weiter im Umlauf sind — man sollte die typischen Schadensbilder also kennen, auch wenn man selbst nie damit arbeitet.

Was an ihre Stelle getreten ist

Der historische Grund für die Devitalisierung war die unzureichende Anästhesie bei entzündeter Pulpa. Genau dieses Problem ist heute anders gelöst.

Vorgehen Belegte Erfolgsrate nach fehlgeschlagener Leitungsanästhesie
Bukkale Infiltration mit Articain 67 bis 90 Prozent
Intraligamentäre Injektion etwa 80 bis 92 Prozent
Intraossäre Injektion etwa 80 bis 92 Prozent
Prämedikation mit Ibuprofen oder Dexamethason verbessert die Wirkung der Leitungsanästhesie
⚠️ Für das Gespräch

Die Aussage lautet nicht „das war falsch“, sondern „dafür gibt es heute etwas Besseres“. Der frühere Behandler hat mit den Mitteln seiner Zeit gearbeitet. Was sich geändert hat, sind die Möglichkeiten der Anästhesie.

Drei Fragen

Welche Aussage zu paraformaldehydhaltigen Devitalisierungspasten trifft nicht zu?

Die dritte. Genau darin liegt das Problem: Die Substanz bleibt nicht dort, wo sie eingebracht wurde. Sie erreicht über Dentin, Seitenkanäle und den Parodontalspalt Gewebe, das nicht behandelt werden sollte.Offene FrageWie oft passiert so etwas? Das lässt sich aus Fallberichten nicht ableiten — sie sagen nichts über die Häufigkeit, nur über die Möglichkeit. Für die Entscheidung reicht das hier trotzdem, weil eine gleichwertige Alternative existiert.

Welche Argumente sprechen gegen die Anwendung solcher Pasten?

Drei. Preis und Dauer sind Nebenargumente. Entscheidend sind der dokumentierte Schaden und die Tatsache, dass das Problem, für das die Paste gedacht war, heute anders gelöst wird.Offene FrageWas, wenn die Anästhesie im Einzelfall wirklich nicht gelingt? Dann bleiben die supplementären Techniken, die Prämedikation und im Zweifel die Überweisung. Die Datenlage zu diesen Wegen ist ungleich besser als die zur Devitalisierung.

Wie beantwortest du die Frage des Patienten fachlich sauber?

Die erste. Der frühere Behandler hat mit den Mitteln seiner Zeit gearbeitet — das abzuwerten hilft niemandem. Und eine Anwendung auf Wunsch scheidet aus, weil ein bekannter Schadensmechanismus nicht durch Einwilligung unbedenklich wird.Offene FrageWo verläuft generell die Grenze der Patientenautonomie? Sie endet dort, wo eine Maßnahme fachlich nicht mehr vertretbar ist. Ein Patient kann eine Behandlung ablehnen, aber er kann keine verlangen, die dem Stand des Wissens widerspricht.

Das, was hängenbleiben soll

Die Paste bleibt nicht, wo man sie hinlegt — und für ihr Problem gibt es längst eine bessere Lösung.

Quellen

  • Özgöz M, Yagiz H, Çiçek Y, Tezel A. Gingival necrosis following the use of a paraformaldehyde-containing paste: a case report. International Endodontic Journal 2004; 37: 157–161.Deckt ab: Gingivanekrose nach Anwendung paraformaldehydhaltiger Paste, Wirkmechanismus der Diffusion durch Dentin
  • Mandibular bone necrosis after use of paraformaldehyde-containing paste. Restorative Dentistry & Endodontics 2016; 41: 332–336.Deckt ab: Knochennekrose und Osteomyelitis im Unterkiefer, Sensibilitätsverlust benachbarter Zähne, Zusammensetzung gebräuchlicher Präparate
  • Tortorici S, Burruano F, Difalco P. Maxillary bone necrosis following the use of formaldehyde containing paste: management and case series. British Dental Journal 2007; 203: 511–512.Deckt ab: Kiefernekrose im Oberkiefer nach formaldehydhaltiger Paste und deren Management
  • Evaluating the efficacy of different supplementary local anesthetic techniques following failed inferior alveolar nerve block in patients with irreversible pulpitis: a systematic review. 2025.Deckt ab: Wirksamkeit supplementärer Anästhesietechniken als Alternative zur Devitalisierung
  • Duncan HF, Kirkevang LL, Peters OA et al. Treatment of pulpal and apical disease: the European Society of Endodontology (ESE) S3-level clinical practice guideline. International Endodontic Journal 2023.Deckt ab: Einordnung in das heutige endodontische Vorgehen

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