Endodontie Vertiefung 6 Min

Eine Sitzung oder mehrere

Schritt 1 ·

Was du danach erklären kannst

Zu kaum einer endodontischen Frage gibt es so viel überzeugte Meinung und so wenig belegten Unterschied. Die Cochrane-Übersicht ist dabei eindeutiger, als die meisten erwarten.

1Was der direkte Vergleich ergibtUnd warum das auch für nekrotische Zähne gilt.
2Was die Zwischeneinlage tatsächlich leistetWeniger, als ihr Ruf nahelegt.
3Wo praktische Gründe trotzdem für zwei Sitzungen sprechenDiese Gründe sind real — nur nicht prognostisch.
4Was der Patient danach spürtEin Unterschied ist beschrieben, aber ein anderer als vermutet.
6 MinutenVertiefung3 Selbstcheck-Fragen4 Quellen

„Geht das nicht in einer Sitzung?“

Sprechstunde38 Jahre, Wurzelkanalbehandlung an 36. Nekrose ohne akuten Abszess, kein Exsudat, beschwerdefrei. „Kann man das nicht in einer Sitzung machen? Ich habe keine Zeit für drei Termine.“

Die Frage kommt oft, und die Antwort fällt vielen schwer, weil sie im Studium gelernt haben, dass eine Nekrose eine medikamentöse Einlage braucht.

Der springende PunktDie Zahl der Sitzungen ist keine prognostische Größe. Sie ist eine organisatorische und in bestimmten Situationen eine klinische Entscheidung — aber keine, die über das Ergebnis entscheidet.

Was der direkte Vergleich zeigt

Die Cochrane-Übersicht in ihrer aktuellen Fassung kommt zu einem klaren Ergebnis: Einzel- und Mehrfachsitzung sind gleich wirksam — und zwar unabhängig davon, ob die Pulpa vital oder nekrotisch ist. Kurzfristige Beschwerden nach der Behandlung treten bei beiden Vorgehensweisen auf.

Das räumt mit der verbreiteten Annahme auf, die Nekrose verlange zwingend eine Zwischeneinlage. Belegt ist das für den Endpunkt der radiologischen Heilung nicht.

Calciumhydroxid reduziert nachweislich die Keimzahl im aufbereiteten Kanal. Was sich daraus nicht ableiten lässt, ist ein besseres Behandlungsergebnis — genau diesen Schritt macht die Studienlage nicht mit. Die mikrobiologische Wirkung ist unbestritten, ihre klinische Übersetzung nicht.

Zwischen den Terminen sitzt ein provisorischer Verschluss. Ist er undicht oder geht er verloren, wird der Kanal erneut besiedelt — und die Qualität des koronalen Verschlusses ist einer der belegten prognostischen Faktoren. Dazu kommt das Risiko, dass der Patient den zweiten Termin nicht wahrnimmt.

Wann trotzdem zwei Sitzungen

Dass kein prognostischer Unterschied belegt ist, heißt nicht, dass die Einsitzung immer praktikabel wäre.

Situation Praktische Erwägung
Exsudat sistiert nicht Ein trockener Kanal ist Voraussetzung für die Obturation
Akuter Abszess mit Schwellung Drainage und Abklingen haben Vorrang
Zeit reicht nicht für eine saubere Aufbereitung Qualität geht vor Sitzungszahl
Starke Schmerzen, Anästhesie unzureichend Der Eingriff wird sonst für beide Seiten unzumutbar
Komplexe Anatomie, unklarer Kanalverlauf Konzentration lässt nach, Fehler häufen sich
⚠️ Die ehrliche Formulierung

Nicht „bei einer Nekrose brauchen wir zwei Sitzungen“, sondern „ich brauche für eine saubere Behandlung so viel Zeit — das schaffen wir heute oder wir teilen es auf“. Das ist fachlich korrekt und für den Patienten nachvollziehbar.

Drei Fragen

Ein Kollege sagt, bei nekrotischer Pulpa sei eine Calciumhydroxid-Einlage zwingend, sonst sei die Prognose schlechter. Welche Aussage trifft nicht zu?

Die dritte. Die keimreduzierende Wirkung ist belegt, ein besseres Behandlungsergebnis daraus aber nicht. Genau dieser Schritt von der mikrobiologischen zur klinischen Wirkung fehlt.Offene FrageWarum hält sich die Überzeugung dann so hartnäckig? Weil sie biologisch plausibel ist. Plausibilität und Wirksamkeit sind in der Medizin aber regelmäßig zwei verschiedene Dinge — und das ist hier gut dokumentiert.

Welche Gründe sprechen im Einzelfall für ein zweizeitiges Vorgehen?

Drei. Nekrose und periapikaler Befund sind für sich genommen keine Gründe — genau das ist die Kernaussage der Übersichtsarbeit.Offene FrageUnd wenn beides zusammenkommt, Nekrose und Abszess? Dann ist der Abszess der Grund, nicht die Nekrose. Die Unterscheidung wirkt spitzfindig, führt aber zu anderen Entscheidungen.

Was ist beim einzeitigen Vorgehen der wichtigste qualitätsbestimmende Faktor?

Die erste. Der Vorteil der Einsitzung liegt im sofortigen dichten Verschluss — er geht verloren, wenn die Aufbereitung darunter leidet. Die Einsitzung ist keine schnellere Behandlung, sondern eine ununterbrochene.Offene FrageWie lange dauert eine solche Sitzung realistisch? Für einen Molaren ist mit deutlich über einer Stunde zu rechnen. Wer diese Zeit nicht hat, hat kein Argument gegen die Einsitzung, sondern eines gegen den Termin.

Das, was hängenbleiben soll

Nicht die Zahl der Sitzungen entscheidet, sondern was in ihnen passiert.

Quellen

  • Mergoni G, Ganim M, Lodi G, Figini L, Gagliani M, Manfredi M. Single versus multiple visits for endodontic treatment of permanent teeth. Cochrane Database of Systematic Reviews 2022; CD005296.pub4.Deckt ab: Wirksamkeit und Komplikationen von Einzel- und Mehrfachsitzung im direkten Vergleich, einschließlich vitaler und nekrotischer Pulpa
  • Ng YL, Mann V, Rahbaran S, Lewsey J, Gulabivala K. Outcome of primary root canal treatment: systematic review — Part 2. Influence of clinical factors. International Endodontic Journal 2008; 41: 6–31.Deckt ab: Einfluss der Zwischeneinlage und weiterer Behandlungsfaktoren auf das Ergebnis
  • Burns LE, Kim J, Wu Y, Alzwaideh R, McGowan R, Sigurdsson A. Outcomes of primary root canal therapy: an updated systematic review of longitudinal clinical studies published between 2003 and 2020. International Endodontic Journal 2022; 55: 714–731.Deckt ab: Erfolgsraten der Erstbehandlung nach aktueller Studienlage
  • Duncan HF, Kirkevang LL, Peters OA et al. Treatment of pulpal and apical disease: the European Society of Endodontology (ESE) S3-level clinical practice guideline. International Endodontic Journal 2023.Deckt ab: Empfehlungen zum Behandlungsablauf und zur Zahl der Sitzungen

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