Endodontie Vertiefung 6 Min

Pulpotomie bei traumatisch freigelegter Pulpa

Schritt 1 ·

Was du danach erklären kannst

Bei der traumatischen Exposition hält sich eine Regel hartnäckig, die so nicht mehr haltbar ist. Diese Lektion räumt damit auf — und zeigt, was stattdessen zählt.

1Warum die Zeitgrenze kein Ausschlusskriterium istDie deutsche Leitlinie sagt dazu etwas anderes, als viele gelernt haben.
2Warum die Größe der Freilegung wenig aussagtAuch hier weicht die Leitlinie vom Lehrbuchwissen ab.
3Was beim jungen Zahn auf dem Spiel stehtWurzellänge und Wandstärke — und beides ist nicht nachholbar.
4Wann der Vitalerhalt trotzdem nicht mehr trägtEs gibt Grenzen, sie liegen nur woanders als vermutet.
6 MinutenVertiefung3 Selbstcheck-Fragen4 Quellen

Vier Stunden nach dem Sturz

Notfall17 Jahre, Fahrradunfall vor vier Stunden. Kronenfraktur an 21, die Pulpa liegt auf etwa zwei Millimetern frei, die Blutung ist mäßig. Keine Beschwerden außer der Berührungsempfindlichkeit. „Der Zahn ist abgebrochen und ich sehe so einen roten Punkt. Was passiert jetzt?“

Zwei Millimeter Freilegung, vier Stunden alt. Nach der klassischen Lehre wäre das ein Grenzfall mit Zeitdruck. Nach der aktuellen Leitlinie ist es beides nicht.

Der springende PunktDas primäre Ziel ist die Erhaltung der Vitalität durch einen möglichst dichten Verschluss zur Mundhöhle. Alles andere ordnet sich diesem Ziel unter.

Womit im Lehrbuch aufgeräumt gehört

Die deutsche S2k-Leitlinie zum dentalen Trauma formuliert es deutlich: Die Erfolgssicherheit der vitalerhaltenden Maßnahmen nach Pulpaexposition liegt bei über 90 Prozent — und zwar unabhängig von der Größe der Freilegung und vom Zustand des Wurzelwachstums. Auch eine zeitliche Verzögerung von mehreren Tagen beeinflusst das Ergebnis nicht maßgeblich.

Damit fallen zwei Regeln, die viele im Studium gelernt haben: die Grenze von einem Millimeter und das Zeitfenster von 72 Stunden. Beide sind als absolute Ausschlusskriterien nicht haltbar.

Entfernt wird das entzündlich veränderte und kontaminierte Gewebe — wie viel das ist, zeigt sich am Blutungsverhalten während des Eingriffs. Der zeitliche Abstand zum Unfall verschiebt lediglich, wie tief die Kontamination reicht, er entscheidet nicht darüber, ob überhaupt behandelt werden kann. Entscheidend bleibt der dichte Verschluss danach.

Bei nicht abgeschlossenem Wurzelwachstum soll die Wurzelpulpa vollständig oder teilweise vital erhalten werden, damit die Wurzel ihre volle Länge und Wandstärke erreichen kann. Was in dieser Phase verloren geht, lässt sich später nicht nachholen — eine dünnwandige Wurzel bleibt es ein Leben lang.

Die Abstufung

Befund Naheliegendes Vorgehen
Kleine Freilegung, Blutung steht rasch direkte Überkappung
Größere Freilegung, Blutung steht partielle Pulpotomie
Blutung steht nicht weiter abtragen, vollständige Pulpotomie
Auch dann keine Blutstillung Pulpa nicht erhaltungsfähig, endodontische Therapie
Nicht abgeschlossenes Wurzelwachstum Vitalerhalt hat Vorrang, um die Entwicklung fortzusetzen
⚠️ Wo die Grenze wirklich liegt

Nicht bei der Uhr und nicht beim Millimetermaß, sondern beim Gewebe. Lässt sich die Blutung auch nach fortgesetzter Abtragung nicht stillen, ist die Entzündung bis in die Wurzelpulpa fortgeschritten. Dann ist der Vitalerhalt beendet, nicht vorher.

Drei Fragen

Ein Patient stellt sich fünf Tage nach einer Kronenfraktur mit Pulpaexposition vor, beschwerdefrei. Welche Aussage trifft nicht zu?

Die zweite. Die Leitlinie hält ausdrücklich fest, dass eine Verzögerung von mehreren Tagen das Ergebnis nicht maßgeblich beeinflusst. Die Verzögerung verschiebt, wie tief abgetragen werden muss — sie beendet die Option nicht.Offene FrageWo endet diese Aussage? Bei Wochen statt Tagen, bei Spontanschmerz und bei Eiterung wird die Datenlage dünn. Die Leitlinie macht dazu keine Zahlenangabe, und die Studien reichen nicht so weit.

Welche Aussagen zum Vitalerhalt nach Trauma treffen zu?

Drei. Die Millimetergrenze und das 72-Stunden-Fenster sind als absolute Kriterien nicht belegt — sie stammen aus älteren Empfehlungen und halten sich hartnäckig in der Lehre.Offene FrageWarum halten sich solche Regeln so lange? Weil sie einfach zu merken sind und im Zweifel zur sichereren Seite führen. Der Preis ist, dass Zähne endodontisch behandelt werden, die vital hätten bleiben können.

Bei einem 17-Jährigen mit offenem Apex steht die Blutung auch nach vollständiger Pulpotomie nicht. Was folgt daraus?

Die erste. Wenn die Blutung nicht steht, reicht die Entzündung über den entfernten Bereich hinaus. Der Zahn ist deshalb nicht verloren — er braucht nur ein anderes Verfahren, und beim offenen Apex eines mit apikalem Stopp.Offene FrageWie gut ist die Prognose eines solchen Zahns langfristig? Sie ist schlechter als bei erhaltener Vitalität, weil die Wurzel dünnwandig bleibt. Genau deshalb wiegt jeder Versuch des Vitalerhalts bei jungen Patienten schwer.

Das, was hängenbleiben soll

Nicht die Uhr entscheidet und nicht der Millimeter, sondern ob die Blutung steht.

Quellen

  • S2k-Leitlinie „Therapie des dentalen Traumas bleibender Zähne“, AWMF-Register-Nr. 083-004, Stand 10/2022.Deckt ab: Vorgehen bei Kronenfraktur mit Pulpaexposition, Erfolgsraten, Einfluss von Expositionsgröße, Wurzelreife und zeitlicher Verzögerung
  • Duncan HF, Galler KM, Tomson PL et al. ESE position statement: management of deep caries and the exposed pulp. International Endodontic Journal 2019; 52: 923–934.Deckt ab: partielle Pulpotomie nach traumatischer Exposition und ihre Durchführung
  • Coll JA, Dhar V et al. Guideline for Use of Vital Pulp Therapy in Permanent Teeth. American Academy of Pediatric Dentistry.Deckt ab: Materialwahl und Nachkontrolle bei traumatischer Exposition
  • Duncan HF, Kirkevang LL, Peters OA et al. Treatment of pulpal and apical disease: the European Society of Endodontology (ESE) S3-level clinical practice guideline. International Endodontic Journal 2023.Deckt ab: weiterführende endodontische Maßnahmen, wenn der Vitalerhalt nicht gelingt

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