Pulpotomie bei traumatisch freigelegter Pulpa
Schritt 1 ·
Was du danach erklären kannst
Bei der traumatischen Exposition hält sich eine Regel hartnäckig, die so nicht mehr haltbar ist. Diese Lektion räumt damit auf — und zeigt, was stattdessen zählt.
Vier Stunden nach dem Sturz
Zwei Millimeter Freilegung, vier Stunden alt. Nach der klassischen Lehre wäre das ein Grenzfall mit Zeitdruck. Nach der aktuellen Leitlinie ist es beides nicht.
Womit im Lehrbuch aufgeräumt gehört
Die deutsche S2k-Leitlinie zum dentalen Trauma formuliert es deutlich: Die Erfolgssicherheit der vitalerhaltenden Maßnahmen nach Pulpaexposition liegt bei über 90 Prozent — und zwar unabhängig von der Größe der Freilegung und vom Zustand des Wurzelwachstums. Auch eine zeitliche Verzögerung von mehreren Tagen beeinflusst das Ergebnis nicht maßgeblich.
Damit fallen zwei Regeln, die viele im Studium gelernt haben: die Grenze von einem Millimeter und das Zeitfenster von 72 Stunden. Beide sind als absolute Ausschlusskriterien nicht haltbar.
Die Abstufung
| Befund | Naheliegendes Vorgehen |
|---|---|
| Kleine Freilegung, Blutung steht rasch | direkte Überkappung |
| Größere Freilegung, Blutung steht | partielle Pulpotomie |
| Blutung steht nicht | weiter abtragen, vollständige Pulpotomie |
| Auch dann keine Blutstillung | Pulpa nicht erhaltungsfähig, endodontische Therapie |
| Nicht abgeschlossenes Wurzelwachstum | Vitalerhalt hat Vorrang, um die Entwicklung fortzusetzen |
Nicht bei der Uhr und nicht beim Millimetermaß, sondern beim Gewebe. Lässt sich die Blutung auch nach fortgesetzter Abtragung nicht stillen, ist die Entzündung bis in die Wurzelpulpa fortgeschritten. Dann ist der Vitalerhalt beendet, nicht vorher.
Drei Fragen
Ein Patient stellt sich fünf Tage nach einer Kronenfraktur mit Pulpaexposition vor, beschwerdefrei. Welche Aussage trifft nicht zu?
Welche Aussagen zum Vitalerhalt nach Trauma treffen zu?
Bei einem 17-Jährigen mit offenem Apex steht die Blutung auch nach vollständiger Pulpotomie nicht. Was folgt daraus?
Das, was hängenbleiben soll
Quellen
- S2k-Leitlinie „Therapie des dentalen Traumas bleibender Zähne“, AWMF-Register-Nr. 083-004, Stand 10/2022.Deckt ab: Vorgehen bei Kronenfraktur mit Pulpaexposition, Erfolgsraten, Einfluss von Expositionsgröße, Wurzelreife und zeitlicher Verzögerung
- Duncan HF, Galler KM, Tomson PL et al. ESE position statement: management of deep caries and the exposed pulp. International Endodontic Journal 2019; 52: 923–934.Deckt ab: partielle Pulpotomie nach traumatischer Exposition und ihre Durchführung
- Coll JA, Dhar V et al. Guideline for Use of Vital Pulp Therapy in Permanent Teeth. American Academy of Pediatric Dentistry.Deckt ab: Materialwahl und Nachkontrolle bei traumatischer Exposition
- Duncan HF, Kirkevang LL, Peters OA et al. Treatment of pulpal and apical disease: the European Society of Endodontology (ESE) S3-level clinical practice guideline. International Endodontic Journal 2023.Deckt ab: weiterführende endodontische Maßnahmen, wenn der Vitalerhalt nicht gelingt
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