Endodontie Vertiefung 6 Min

Den Riss im Zahn erkennen

Schritt 1 ·

Was du danach erklären kannst

Der Riss ist die unangenehmste Diagnose der Endodontie: schwer zu sichern, oft erst spät erkannt, und die Konsequenz ist häufig der Verlust des Zahns. Umso wichtiger, die Zeichen zu kennen.

1Das eine Symptom, das kaum etwas anderes erklärtEs gehört aktiv erfragt, weil Patienten es selten von sich aus nennen.
2Warum das Röntgenbild meist nichts zeigtEin Spalt von wenigen Mikrometern hat keinen Kontrast.
3Welche Hilfsmittel wirklich weiterhelfenFünf Verfahren, jedes mit einer klaren Grenze.
4Warum die Tiefe über alles entscheidetKoronal ist eine andere Situation als bis zur Furkation.
6 MinutenVertiefung3 Selbstcheck-Fragen2 Quellen

„Das ist merkwürdig“

Laufende Behandlung51 Jahre, Wurzelkanalbehandlung an 36 läuft seit zwei Sitzungen. Unklarer Beißschmerz. Mesial eine schmale Tasche von sieben Millimetern, die Nachbarzähne sind parodontal unauffällig. „Der Zahn tut weh, wenn ich draufbeiße und dann loslasse.“

Zwei Befunde in diesem Absatz passen nicht zu einer gewöhnlichen Endodontie: die isolierte schmale Tasche und der Schmerz beim Loslassen.

Der springende PunktEine schmale, tiefe Tasche an einer einzelnen Fläche bei sonst gesundem Parodont hat wenige Erklärungen. Der vertikale Wurzelriss ist die wichtigste davon.

Warum das Bild schweigt

Ein Riss ist ein Spalt von wenigen Mikrometern. Damit er im Röntgenbild erscheint, müsste der Zentralstrahl genau in seiner Ebene verlaufen — das ist Zufall, nicht Planung. Sichtbar wird meist erst die Folge: der Knochenabbau entlang der Wurzel, der als schmaler Saum oder als sogenannte Halo-Aufhellung erscheint.

Der Schmerz beim Loslassen ist das aussagekräftigste Einzelsymptom. Beim Zubeißen werden die Fragmente zusammengepresst, beim Entlasten federn sie auseinander und reizen das Gewebe im Spalt. Kaum ein anderer Befund erzeugt dieses Muster.

  • Schmale, isolierte Tasche an einer Fläche, oft über sechs Millimeter
  • Nachbarzähne parodontal unauffällig
  • Beißschmerz wechselnder Intensität, Schmerz in der Entlastungsphase
  • Fistel, die nicht zum Apex, sondern seitlich zur Wurzel zeigt
  • Häufiger an wurzelkanalbehandelten, stiftversorgten Zähnen und an Molaren

Die S3-Leitlinie der ESE von 2023 deckt ausdrücklich nicht alle Bereiche ab. Vertikale Wurzelfrakturen, Resorptionen, dentale Traumata und Endo-Paro-Läsionen sind darin nicht behandelt und sollen späteren Projekten oder Stellungnahmen vorbehalten bleiben. Wer hier eine leitlinienbasierte Antwort sucht, findet sie derzeit nicht.

Was dir tatsächlich weiterhilft

Verfahren Was es leistet Wo es aufhört
Beißtest mit Watteroll oder Keil Lokalisiert die betroffene Höckerregion Zeigt keinen Riss, nur eine Region
Transillumination Der Riss unterbricht die Lichtleitung Funktioniert nur bei koronal sichtbarem Verlauf
Anfärbung Macht den Spalt sichtbar Braucht eine zugängliche Oberfläche
Sondierung Die schmale isolierte Tasche ist ein Leitbefund Erfasst nur, was die Sonde erreicht
Volumentomographie Zeigt den Knochenabbau entlang der Wurzel Der Riss selbst bleibt oft unsichtbar
Direkte Inspektion unter Vergrößerung Der sicherste Nachweis Setzt Eröffnung voraus
⚠️ Was die Tiefe bedeutet

Ein rein koronaler Riss kann unter Umständen versorgt werden. Reicht er bis zur Furkation oder nach apikal, ist der Zahn nicht erhaltbar. Bei mehrwurzeligen Zähnen mit nur einer betroffenen Wurzel kommt eine Teilentfernung in Betracht. Diese Einordnung gehört vor die Aufklärung, nicht danach.

Drei Fragen

Ein Patient hat an 36 eine isolierte, schmale Tasche von sieben Millimetern mesial. Die Nachbarzähne sind parodontal gesund, das Röntgenbild zeigt keinen Riss. Welche Aussage trifft nicht zu?

Die erste. Ein Riss von wenigen Mikrometern erscheint nur dann im Bild, wenn der Zentralstrahl zufällig in seiner Ebene verläuft. Das unauffällige Bild ist deshalb völlig vereinbar mit einem Riss.Offene FrageWürde eine Volumentomographie helfen? Sie zeigt eher den Knochenabbau entlang der Wurzel als den Spalt selbst. Ein negativer Befund schließt einen Riss also auch dort nicht aus.

Welche Befunde passen zum vertikalen Wurzelriss?

Drei. Gleichmäßig erhöhte Werte sprechen für eine parodontale Ursache, nicht für einen Riss. Und die sichtbare Frakturlinie ist die Ausnahme, nicht die Regel.Offene FrageWarum ist die Diagnose trotzdem so oft verspätet? Weil jeder Einzelbefund für sich unspezifisch ist. Erst das Muster trägt — und dafür muss man gezielt danach suchen.

Der Verdacht bestätigt sich während der laufenden Behandlung: Unter dem Mikroskop zeigt sich ein Riss, der bis zur Furkation reicht. Wie gehst du damit um?

Die erste. Ein Befund, der die Prognose grundlegend ändert, gehört sofort auf den Tisch. Weiterbehandeln wäre eine Leistung ohne Aussicht, Abwarten wäre unehrlich, und eigenmächtig entfernen greift der Entscheidung des Patienten vor.Offene FrageWie sicher muss der Befund sein, bevor man ihn so kommuniziert? Ein Riss unter Sicht ist ein sicherer Befund. Schwieriger sind die Fälle, in denen nur der Verdacht besteht — dann gehört auch die Unsicherheit ins Gespräch.

Das, was hängenbleiben soll

Schmerz beim Loslassen und eine einzelne schmale Tasche — das ist der Riss, bis das Gegenteil bewiesen ist.

Quellen

  • Patel S et al. ESE position statement on longitudinal cracks and fractures of teeth. International Endodontic Journal 2025.Deckt ab: Definition, Diagnostik und Management von Längsrissen und Frakturen
  • Patel S, Bhuva B, Bose R. Present status and future directions: vertical root fractures in root filled teeth. International Endodontic Journal 2022; 55(S3): 804–826.Deckt ab: Ätiologie, prädisponierende Faktoren, klinische Zeichen, Grenzen der Bildgebung
  • Patel S, Brown J, Semper M, Abella F, Mannocci F. ESE position statement: use of cone beam computed tomography in endodontics. International Endodontic Journal 2019; 52: 1675–1678.Deckt ab: Aussagekraft und Grenzen der dreidimensionalen Bildgebung beim Riss
  • Duncan HF, Kirkevang LL, Peters OA et al. Treatment of pulpal and apical disease: the European Society of Endodontology (ESE) S3-level clinical practice guideline. International Endodontic Journal 2023. Ersetzt die ESE Quality Guidelines von 2006.Deckt ab: endodontische Diagnostik; Längsfrakturen sind darin ausdrücklich nicht behandelt

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