Endodontie Grundlagen 5 Min

Perkussionsschmerz einordnen

Schritt 1 ·

Was du danach erklären kannst

Ein positiver Klopftest wird oft als endodontischer Befund gelesen. Er ist zunächst etwas viel Unspezifischeres — und genau deshalb so leicht fehlzudeuten.

1Was die Perkussion tatsächlich prüftNicht die Pulpa, sondern ihr Umfeld.
2Warum vertikal und horizontal Verschiedenes bedeutenDie Richtung des Klopfens verrät, wo die Entzündung sitzt.
3Welche nicht-endodontischen Ursachen infrage kommenVier davon siehst du im ersten Jahr regelmäßig.
4Warum der Test zuletzt kommtWer damit anfängt, verfälscht alles, was danach kommt.
5 MinutenGrundlagen3 Selbstcheck-Fragen1 Quelle

„Der tut weh beim Draufbeißen“

SprechstundeZahn 36, seit vier Tagen Beschwerden beim Kauen. Vor einer Woche wurde eine Kompositfüllung gelegt. Kälteprobe positiv, kurzer Schmerz ohne Nachschmerz. Vertikale Perkussion deutlich positiv, horizontal unauffällig.

Die Versuchung ist groß, hier endodontisch zu denken. Der Kältebefund spricht allerdings dagegen — und die Füllung von letzter Woche ist die naheliegendere Spur.

Der springende PunktDie Perkussion prüft das Parodont, nicht die Pulpa. Sie sagt dir, dass im periapikalen oder parodontalen Gewebe etwas entzündet ist — nicht, warum.

Die Richtung macht den Unterschied

Beim Klopfen wird der Zahn minimal bewegt. Schmerzt das, ist das Gewebe gereizt, das ihn hält: der Desmodontalspalt und das umgebende Knochengewebe.

Vertikal positiv spricht für eine Reizung im apikalen Bereich. Der Druck wird über die Zahnachse nach apikal weitergegeben, dorthin also, wo eine periapikale Entzündung sitzt.

Horizontal positiv weist eher seitlich — auf ein parodontales Geschehen, einen lateralen Abszess oder eine Beteiligung des marginalen Parodonts.

Sobald die Entzündung aus der Pulpa den Apex erreicht, reagiert das periapikale Gewebe mit — noch bevor im Röntgenbild etwas zu sehen ist. Eine leicht positive vertikale Perkussion schließt eine irreversible Pulpitis also nicht aus, sondern zeigt an, dass sie sich ausbreitet.

Erst mit dem Finger, dann bei Bedarf mit dem Instrumentengriff — nicht umgekehrt. Immer mehrere Nachbarzähne mittesten, und zwar bevor der verdächtige Zahn dran ist. Der Patient soll die Reaktion vergleichen, nicht bewerten.

Was es sonst noch sein kann

Ursache Worauf du achtest
Frische Restauration zu hoch Okklusionskontrolle mit Folie — die häufigste Ursache im ersten Jahr
Okklusales Trauma, Bruxismus Schliffacetten, mehrere Zähne betroffen, morgens schlimmer
Marginale Parodontitis Sondierungstiefen, Lockerungsgrad, horizontale Perkussion eher positiv
Sinusitis maxillaris Mehrere Oberkieferseitenzähne, Beschwerden beim Bücken, Erkältung in der Anamnese
Riss im Zahn Schmerz beim Loslassen, nicht beim Zubeißen — Beißtest auf Watteroll
Apikale Parodontitis Vitalprobe negativ, ggf. periapikale Aufhellung
⚠️ Häufiger Fehler

Mit der Perkussion zu beginnen. Ein einmal ausgelöster Schmerz strahlt aus und macht alle folgenden Tests unbrauchbar. Die Perkussion kommt ans Ende der Untersuchung.

Drei Fragen

Bei einem Patienten sind an 16 und 17 beide vertikalen Perkussionstests positiv, die Vitalproben an beiden Zähnen fallen normal aus. Er berichtet über Druck beim Bücken. Welche Aussage trifft nicht zu?

Die vierte. Die Perkussion zeigt eine Reizung des Halteapparats — deren Ursache kann auch außerhalb des Zahns liegen. Der Sinus maxillaris grenzt bei vielen Menschen unmittelbar an die Wurzelspitzen der Oberkieferseitenzähne.Offene FrageWie unterscheidest du sicher? Oft gar nicht allein. Wenn Vitalproben unauffällig sind und mehrere Zähne betroffen sind, gehört die HNO-Abklärung dazu — und die Endodontie wartet.

Welche Aussagen zur Perkussionsprüfung sind zutreffend?

Drei. Horizontal weist eher seitlich, also parodontal. Und eine chronische apikale Parodontitis kann völlig perkussionsunauffällig sein — sie fällt oft nur im Röntgenbild auf.Offene FrageWarum ist der Test dann überhaupt nützlich? Weil er zusammen mit der Vitalprobe ein Muster ergibt. Einzeln betrachtet ist fast jeder endodontische Test schwach — in Kombination werden sie brauchbar.

Der Patient beschreibt Schmerz beim Loslassen nach dem Zubeißen, nicht beim Zubeißen selbst. Was legt das nahe?

Die erste. Beim Zubeißen werden die Fragmente zusammengepresst, beim Loslassen federn sie auseinander und reizen die Pulpa. Dieses Muster ist so charakteristisch, dass es gezielt erfragt gehört.Offene FrageUnd wenn der Riss nicht sichtbar ist? Das ist der Normalfall. Weder Transillumination noch Färbung noch Röntgen zeigen ihn zuverlässig — die Diagnose bleibt oft eine Verdachtsdiagnose über die Symptomatik.

Das, was hängenbleiben soll

Die Perkussion sagt dir, dass das Umfeld des Zahns entzündet ist — nicht warum.

Quellen

  • Duncan HF, Kirkevang LL, Peters OA et al. Treatment of pulpal and apical disease: the European Society of Endodontology (ESE) S3-level clinical practice guideline. International Endodontic Journal 2023. Ersetzt die ESE Quality Guidelines von 2006.Deckt ab: klinische Untersuchung, Reihenfolge der Tests, Diagnosestellung
  • Mejàre IA, Axelsson S, Davidson T et al. Diagnosis of the condition of the dental pulp: a systematic review. International Endodontic Journal 2012; 45: 597–613.Deckt ab: Wertigkeit klinischer Zeichen einschließlich der Perkussion
  • Hargreaves KM, Berman LH (Hrsg.) Cohen’s Pathways of the Pulp. Elsevier — Standardwerk der Endodontologie.Deckt ab: Differenzialdiagnosen des Perkussionsschmerzes: okklusales Trauma, marginale Parodontitis, Sinusitis maxillaris
  • Patel S et al. ESE position statement on longitudinal cracks and fractures of teeth. International Endodontic Journal 2025.Deckt ab: Schmerz in der Entlastungsphase als Leitsymptom des Risses

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