Verletzung des Nervus alveolaris inferior
Schritt 1 ·
Was du danach erklären kannst
Ein Patient ruft an, weil die Taubheit nicht nachlässt — und was jetzt zählt, ist die Dokumentation eines Ausgangsbefunds.
„Wird das wieder?“
Nach zwanzig Stunden ist die Anästhesiewirkung sicher abgeklungen — es liegt also eine Schädigung vor. Die Antwort auf seine zweite Frage lautet in den meisten Fällen ja.
Die drei Schweregrade
| Grad | Was geschädigt ist | Prognose |
|---|---|---|
| Leichteste Form | Leitungsblockade, Struktur erhalten | Vollständige Erholung |
| Mittlere Form | Nervenfaser unterbrochen, Hülle erhalten | Erholung über Monate wahrscheinlich |
| Schwerste Form | Vollständige Durchtrennung | Erholung eingeschränkt |
Die überwiegende Mehrheit der Fälle nach zahnärztlichen Eingriffen betrifft die leichteste Form — Druck, Dehnung oder Quetschung ohne Durchtrennung. Das ist der Grund, warum die Prognose insgesamt günstig ist.
Die Erholung erfolgt über Wochen bis Monate, in Einzelfällen länger. Eine Besserung, die nach mehr als einem Jahr ausbleibt, wird in aller Regel als bleibend eingeordnet.
- Ausdehnung: Welches Gebiet ist betroffen? Am besten in eine Skizze eingezeichnet oder fotografisch markiert.
- Art der Störung: Vollständiges Taubheitsgefühl, verminderte Empfindung, Kribbeln, unangenehme Missempfindung oder Schmerz?
- Prüfung: Reaktion auf leichte Berührung, auf spitz und stumpf, im Seitenvergleich.
- Zeitpunkt: Seit wann, und ob es sich seit gestern verändert hat.
Diese Untersuchung dauert wenige Minuten und wird bei jeder Kontrolle wiederholt — mit demselben Vorgehen, damit die Befunde vergleichbar sind.
Und ergänzend: Der präoperative Befund und die Aufklärung über das Risiko gehören ebenfalls in die Akte. Wenn die Kanalnähe im Bild erkennbar war und das Risiko besprochen wurde, ist das später die entscheidende Information.
Was medikamentös sinnvoll ist
Weniger, als vielerorts angenommen. Für die gängigen Maßnahmen ist die Datenlage schwach.
| Maßnahme | Einordnung |
|---|---|
| Kurzzeitige Kortikosteroidgabe | Wird bei früher Gabe diskutiert, Evidenz begrenzt |
| Vitamin-B-Präparate | Verbreitet, Nutzen nicht belegt |
| Abwarten mit strukturierter Kontrolle | Der tragende Teil des Vorgehens |
Der entscheidende Punkt ist die dritte Zeile. Was tatsächlich hilft, ist die regelmäßige Kontrolle mit dokumentiertem Befund — und die rechtzeitige Weiterleitung, wenn keine Besserung eintritt.
Wenn nach einigen Monaten keine erkennbare Besserung eingetreten ist. Der genaue Zeitpunkt wird unterschiedlich angegeben, aber das Prinzip ist einheitlich: Je länger gewartet wird, desto geringer die Aussicht auf ein Eingreifen.
Und sofort weitergeleitet wird bei Zeichen, die über die reine Gefühlsstörung hinausgehen — insbesondere bei einer schmerzhaften Missempfindung. Sie hat eine andere Bedeutung und einen anderen Behandlungsweg als eine reine Taubheit.
Was dabei hilft: die konkrete Beschreibung des Verlaufs. Die Erholung geschieht nicht plötzlich, sondern allmählich — oft zuerst am Rand des betroffenen Gebiets, dann zur Mitte hin. Ein Patient, der das weiß, deutet ein Kribbeln als gutes Zeichen statt als Verschlechterung.
Was nicht hilft: die Zusage, dass es sicher wieder wird. Sie ist nicht zu halten — und wenn sie sich nicht erfüllt, ist das Vertrauen zusätzlich beschädigt.
Und der praktische Hinweis: Bei Taubheit der Unterlippe besteht Verletzungsgefahr beim Essen und bei heißen Getränken. Das gehört gesagt, weil er es sonst erst merkt, wenn er sich verletzt hat.
Drei Fragen
Einen Tag nach der Extraktion besteht eine Taubheit der Unterlippe. Welche Aussage trifft nicht zu?
Was gehört in den Ausgangsbefund?
Wann wird weitergeleitet?
Das, was hängenbleiben soll
Quellen
- Sarikov R, Juodzbalys G: Inferior Alveolar Nerve Injury after Mandibular Third Molar Extraction – a Literature Review. eJournal of Oral & Maxillofacial Research 2014; 5(4): e1 — Einteilung, Erholungswahrscheinlichkeit, Zeitverlauf und der Stellenwert medikamentöser Maßnahmen. DOIDeckt ab: Erholungswahrscheinlichkeit, Zeitverlauf und der Stellenwert medikamentöser Maßnahmen
- Seddon HJ. Three types of nerve injury. Brain 1943; 66: 237–288 — Einteilung der Nervschädigungen in Neurapraxie, Axonotmesis und Neurotmesis.Deckt ab: Einteilung der Nervschädigungen und die daraus abgeleitete Prognose
- Bürgerliches Gesetzbuch § 630f und § 630c Absatz 2 — Dokumentationspflicht sowie die Informationspflicht bei erkennbaren Behandlungsfehlern.Deckt ab: Dokumentation des Befunds und des Verlaufs
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