Chirurgie Grundlagen 7 Min

Instrumentarium und Kraftführung

Schritt 1 ·

Was du danach erklären kannst

Welches Instrument wofür — und warum der häufigste Fehler in der Richtung der Kraft liegt, nicht in ihrer Stärke.

1Was die Instrumente jeweils leistenVier Gruppen mit verschiedenen Aufgaben.
2Warum die Richtung wichtiger ist als die StärkeDer Zahn wird gelockert, nicht gezogen.
3Wo der Hebelpunkt liegen darfUnd wo nicht.
4Was die freie Hand tutZwei Aufgaben, beide wichtig.
7 MinutenGrundlagen3 Selbstcheck-Fragen2 Quellen

„Ich kriege ihn nicht raus“

AssistenzzeitEine einwurzelige Extraktion dauert bereits zwanzig Minuten. Die Kollegin setzt die Zange immer wieder an und zieht mit zunehmender Kraft. „Ich kriege ihn einfach nicht raus. Muss ich noch fester ziehen?“

Nein. Wenn ein Zahn sich nicht bewegt, hilft mehr Kraft in derselben Richtung nicht — sie erhöht nur das Risiko, dass etwas anderes nachgibt.

Der springende PunktEin Zahn wird nicht herausgezogen, sondern gelockert. Die Extraktion ist das Ergebnis der Lockerung, nicht ihr Ersatz.

Was die Instrumente leisten

Instrument Aufgabe Was es nicht ist
Periotom Durchtrennt die parodontalen Fasern zirkulär Kein Hebel
Luxator Erweitert den Parodontalspalt, löst den Zahn Kein Zangenersatz
Hebel Überträgt Kraft über einen Stützpunkt Kein Werkzeug für den Nachbarzahn
Zange Fasst und bewegt den bereits gelockerten Zahn Kein Lockerungsinstrument

Die letzte Zeile enthält den häufigsten Denkfehler. Die Zange wird angesetzt, wenn die Lockerung erfolgt ist — nicht, um sie zu erzeugen. Wer mit der Zange lockert, bricht Kronen und Alveolarwände.

Der Zahn sitzt in einer Alveole, die sich elastisch verformen lässt. Die Lockerung entsteht dadurch, dass diese Verformung wiederholt und in wechselnde Richtungen erfolgt — bukkal, oral, wieder bukkal, mit kurzen Pausen dazwischen.

Was dabei geschieht: Die parodontalen Fasern reißen nacheinander, der Knochen weitet sich, der Zahn wird beweglich. Das braucht Zeit, nicht Kraft.

Eine anhaltende Kraft in eine Richtung erreicht das Gegenteil: Sie bringt die Alveolarwand zum Brechen, bevor der Zahn gelockert ist. Zwei bis drei Minuten geduldige Luxation ersparen die halbe Sitzung — und die Alveolarwand, die man sonst rekonstruieren muss.

Wo der Hebelpunkt liegen darf

Zulässig Nicht zulässig
Der Alveolarknochen des zu entfernenden Zahns Der Nachbarzahn als Widerlager
Die Wurzeloberfläche selbst Eine Restauration am Nachbarzahn
Bei mehrwurzeligen Zähnen das Septum Dünne bukkale Lamelle bei ohnehin knappem Knochen

Der Nachbarzahn als Hebelpunkt ist die klassische Ursache für eine gelockerte oder frakturierte Nachbarrestauration — und für eine Beschwerde, die vermeidbar gewesen wäre. Der Griff dorthin passiert unbewusst, wenn es eng wird.

⚠️ Was die freie Hand tut

Zwei Dinge. Erstens stützt sie den Kiefer — im Unterkiefer von außen gegen den Druck, im Oberkiefer den Alveolarfortsatz. Ohne diese Abstützung wirkt die Kraft auf das Kiefergelenk, und der Patient hat anschließend Beschwerden, die nichts mit dem Zahn zu tun haben.

Zweitens tastet sie. Der Finger auf dem Alveolarfortsatz spürt, ob sich der Zahn bewegt, ob die Lamelle nachgibt und ob sich etwas löst, das sich nicht lösen soll. Diese Rückmeldung kommt schneller als die visuelle.

Drei Fragen

Eine einwurzelige Extraktion gelingt nach zwanzig Minuten nicht. Welche Aussage trifft nicht zu?

Die dritte. Anhaltende Kraft in eine Richtung bringt die Alveolarwand zum Brechen, bevor der Zahn gelockert ist.Offene FrageWas ist der Zeitgewinn? Zwei bis drei Minuten geduldige Luxation ersparen die halbe Sitzung — und die Alveolarwand, die man sonst rekonstruieren muss.

Was leisten die Instrumente?

Drei. Wer mit der Zange lockert, bricht Kronen und Alveolarwände.Offene FrageWas ist der häufigste Denkfehler? Die Zange als Lockerungsinstrument zu verstehen. Sie kommt am Ende, nicht am Anfang.

Was tut die freie Hand?

Drei. Ohne Abstützung wirkt die Kraft auf das Kiefergelenk — der Patient hat dann Beschwerden, die nichts mit dem Zahn zu tun haben.Offene FrageWarum ist das Tasten so wertvoll? Die taktile Rückmeldung kommt schneller als die visuelle — man merkt eine nachgebende Lamelle, bevor man sie sieht.

Das, was hängenbleiben soll

Lockern statt ziehen, Richtung statt Kraft — und die freie Hand stützt und tastet.

Quellen

  • Schwenzer N, Ehrenfeld M (Hrsg.): Zahnärztliche Chirurgie. Reihe Zahn-Mund-Kiefer-Heilkunde, 4. Auflage. Georg Thieme Verlag, Stuttgart 2009. ISBN 978-3-13-159094-7 — Instrumentenkunde, Kraftführung, Luxationstechniken und Alveolenversorgung.Deckt ab: Instrumentenkunde, Kraftführung und Luxationstechniken
  • Schwenzer N, Ehrenfeld M (Hrsg.): Zahnärztliche Chirurgie. Reihe Zahn-Mund-Kiefer-Heilkunde, 4. Auflage. Georg Thieme Verlag, Stuttgart 2009. ISBN 978-3-13-159094-7 — Periotom, Luxatoren und maschinelle Verfahren im Vergleich zur konventionellen Technik hinsichtlich Knochenerhalt und Komplikationsrate.Deckt ab: Vergleich atraumatischer Verfahren mit der konventionellen Technik hinsichtlich Knochenerhalt und Komplikationsrate

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