Chirurgie Vertiefung 7 Min

Antiresorptiva und das MRONJ-Risiko

Schritt 1 ·

Was du danach erklären kannst

Eine Risikoeinschätzung, die nicht an der Einnahmedauer hängt — und eine Maßnahme, von der die aktuelle Leitlinie abgerückt ist.

1Was das Risiko tatsächlich bestimmtDie Indikation, nicht die Jahre.
2Warum der Substanzunterschied zähltSpeicherung im Knochen.
3Was von der Therapiepause zu halten istDer Nutzen ist nicht belegt.
4Was tatsächlich wirktVor, während und nach dem Eingriff.
7 MinutenVertiefung3 Selbstcheck-Fragen3 Quellen

„Ist das schlimm, wenn Sie den Zahn ziehen?“

Vor der Extraktion74 Jahre, Osteoporose, orales Bisphosphonat seit sieben Jahren. Zahn 16 mit apikaler Parodontitis, nicht erhaltungswürdig. „Ich nehme diese Knochentablette. Ist das schlimm, wenn Sie den Zahn ziehen?“

Ihr Risiko ist erhöht, aber niedrig — und die sieben Jahre sind dabei nicht der entscheidende Punkt.

Der springende PunktDas Risiko bemisst sich vor allem nach der Indikation der Therapie: onkologisch oder osteologisch. Der Unterschied zwischen beiden Gruppen ist erheblich.

Was das Risiko bestimmt

Faktor Bedeutung
Indikation der Therapie Der wichtigste Faktor — onkologische Dosierung deutlich höher
Applikationsform und Dosis Intravenös und hochdosiert riskanter als oral
Begleitende Faktoren Kortikosteroide, antiangiogene Substanzen, Diabetes, Rauchen
Lokale Situation Entzündung, Prothesendruck, schlechte Mundhygiene
Anwendungsdauer Ein Faktor unter mehreren, keine feste Grenze

Die letzte Zeile ist die Korrektur. Die verbreitete Vorstellung einer Grenze bei einer bestimmten Jahreszahl hält der aktuellen Bewertung nicht stand. Die Dauer geht in die Abwägung ein, sie entscheidet sie nicht.

Bisphosphonate lagern sich in den Knochen ein und verbleiben dort über Jahre. Ihre Wirkung endet nicht mit dem Absetzen — das ist der Grund, warum eine kurzfristige Pause bei dieser Substanzgruppe wenig ausrichtet.

Denosumab wird nicht im Knochen gespeichert. Die Wirkung lässt nach dem Ende des Injektionsintervalls nach, und der Knochenumbau nimmt wieder zu. Hier ist ein zeitliches Fenster grundsätzlich denkbar — die Planung eines Eingriffs im späteren Intervallabschnitt kann erwogen werden, in Abstimmung mit der verordnenden Praxis.

Dieser Unterschied wird häufig übergangen, weil beide Substanzen unter „Antiresorptiva“ zusammengefasst werden. Für die Planung ist er wesentlich.

Was von der Therapiepause zu halten ist

Die Vorstellung einer Unterbrechung vor dem Eingriff ist verbreitet. Ihr Nutzen ist nicht belegt — und bei Bisphosphonaten spricht die Pharmakokinetik dagegen, weil die Substanz im Knochen verbleibt.

Was dagegen spricht Erläuterung
Kein belegter Nutzen Studien zeigen keine überzeugende Risikoreduktion
Fortbestehende Wirkung Bisphosphonate bleiben im Knochen gespeichert
Eigenes Risiko der Pause Frakturrisiko, bei onkologischer Indikation Progression
Nicht in eigener Zuständigkeit Die Entscheidung liegt bei der verordnenden Praxis
⚠️ Was ebenfalls nicht trägt

Die Bestimmung von Knochenumbaumarkern zur Risikoabschätzung. Sie wurde lange als Entscheidungshilfe propagiert — ihre Aussagekraft für das individuelle Risiko ist nicht belegt, und die aktuelle Leitlinie empfiehlt sie nicht.

Was stattdessen trägt: die Einordnung nach Indikation, Substanz, Dosis, Begleitfaktoren und lokaler Situation — also die klinische Abwägung, nicht ein Laborwert.

Vor dem Eingriff: Rücksprache mit der verordnenden Praxis, Aufklärung über das erhöhte Risiko mit Dokumentation, Sanierung entzündlicher Herde soweit möglich.

Während des Eingriffs: möglichst atraumatisches Vorgehen, Vermeidung scharfer Knochenkanten, spannungsfreier Wundverschluss. Eine perioperative Antibiotikagabe wird bei erhöhtem Risiko empfohlen — anders als sonst ist die Indikation hier weiter zu fassen.

Nach dem Eingriff: engmaschige Kontrolle bis zur vollständigen Schleimhautdeckung. Nicht die üblichen ein bis zwei Termine, sondern so lange, bis die Wunde geschlossen ist.

Und bei einer bereits eingetretenen Nekrose: Überweisung an eine mund-kiefer-gesichtschirurgische Einrichtung. Die Behandlung gehört nicht in die allgemeinzahnärztliche Praxis.

Drei Fragen

Eine Patientin nimmt seit sieben Jahren ein orales Bisphosphonat gegen Osteoporose. Welche Aussage trifft nicht zu?

Die dritte. Die Dauer geht in die Abwägung ein, sie entscheidet sie nicht — und der Nutzen einer Pause ist nicht belegt.Offene FrageWas spricht bei Bisphosphonaten gegen die Pause? Die Pharmakokinetik. Die Substanz bleibt im Knochen gespeichert, die Wirkung endet nicht mit dem Absetzen.

Warum ist der Substanzunterschied wesentlich?

Drei. Der Unterschied wird häufig übergangen, weil beide unter „Antiresorptiva“ zusammengefasst werden.Offene FrageWas folgt für Denosumab? Die Planung eines Eingriffs im späteren Intervallabschnitt kann erwogen werden — in Abstimmung mit der verordnenden Praxis.

Was wirkt tatsächlich?

Drei. Die Aussagekraft von Knochenumbaumarkern für das individuelle Risiko ist nicht belegt.Offene FrageWas heißt engmaschige Kontrolle hier? Nicht die üblichen ein bis zwei Termine, sondern so lange, bis die Wunde geschlossen ist.

Das, was hängenbleiben soll

Die Indikation bestimmt das Risiko, nicht die Jahre — und die Pause bringt weniger als die Technik.

Quellen

  • S3-Leitlinie „Antiresorptiva-assoziierte Kiefernekrosen (AR-ONJ)“ sowie die S3-Leitlinie „Zahnimplantate bei medikamentöser Behandlung mit Knochenantiresorptiva“, AWMF-Register-Nr. 083-026, Fassung März 2026.Deckt ab: Risikoeinschätzung vor zahnärztlich-chirurgischen Eingriffen unter Antiresorptiva und die Bewertung einer Therapieunterbrechung
  • S3-Leitlinie „Antiresorptiva-assoziierte Kiefernekrosen (AR-ONJ)“, AWMF-Registernummer 007-091, Stand Dezember 2018 — Risikostratifizierung nach Substanz, Indikation und Anwendungsdauer sowie die Bewertung einer Therapieunterbrechung. AWMFDeckt ab: Risikostratifizierung nach Substanz, Indikation und Anwendungsdauer
  • Bürgerliches Gesetzbuch § 630e — Aufklärungspflichten: Inhalt, Rechtzeitigkeit, Verständlichkeit und Aushändigung von Unterlagen.Deckt ab: Aufklärung über das erhöhte Risiko und deren Dokumentation

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