Füllungstherapie Vertiefung 7 Min

Adhäsivsysteme im Überblick

Schritt 1 ·

Was du danach erklären kannst

Drei Systemklassen, ein Leitliniensatz — und eine Empfehlung, die auch dann gilt, wenn das Produkt sie scheinbar überflüssig macht.

1Welche drei Klassen es gibtUnd was sie unterscheidet.
2Was die Leitlinie empfiehltEine klare Auswahl.
3Warum die Schmelzätzung immer dazugehörtAuch beim Universaladhäsiv.
4Warum Schmelz und Dentin verschieden reagierenZwei Gewebe, zwei Mechanismen.
7 MinutenVertiefung3 Selbstcheck-Fragen2 Quellen

„Wozu noch ätzen?“

AssistenzzeitDie Praxis hat auf ein Universaladhäsiv umgestellt. Die Kollegin fragt nach dem Ätzschritt. „Das Universaladhäsiv ätzt doch selbst. Wozu soll ich vorher noch Phosphorsäure nehmen?“

Weil es selbst ätzt, aber nicht gleich gut. Der Unterschied betrifft ein Gewebe — und genau das, an dem der Randschluss hängt.

Der springende PunktDie S3-Leitlinie empfiehlt die Schmelzätzung mit Phosphorsäure bei allen direkten Kompositrestaurationen — unabhängig vom verwendeten Adhäsivsystem.

Die drei Klassen

Klasse Prinzip Schritte
Etch-and-rinse, drei Schritte Ätzen, spülen, Primer, Bonding Getrennt
Self-etch, zwei Schritte Saurer Primer, dann Bonding Ohne Spülschritt
Universaladhäsiv Ein Produkt, verschiedene Anwendungsmodi Wählbar

Was die Leitlinie sagt: Zwei-Schritt-Self-Etch-Systeme, Drei-Schritt-Etch-and-rinse-Systeme oder Universaladhäsive sollen bevorzugt werden. Ältere Ein-Schritt-Self-Etch-Systeme sind damit nicht empfohlen — sie zeigten in den Auswertungen die schwächeren Ergebnisse.

Schmelz besteht fast vollständig aus Mineral. Die Phosphorsäure löst gezielt Bereiche heraus und erzeugt ein Relief, in das der Kunststoff eindringt — ein rein mikromechanischer Verbund, der stabil und gut vorhersagbar ist.

Dentin enthält Wasser und organische Substanz. Hier entsteht der Verbund über eine Durchdringungszone, die empfindlicher ist: gegen Übertrocknung, gegen Feuchtigkeit, gegen zu langes oder zu kurzes Ätzen. Deshalb ist der Dentinverbund die schwächere und variablere Seite.

Daraus folgt die Empfehlung: Am Schmelz wird mit Phosphorsäure geätzt, weil die milderen Säuren der Self-etch-Systeme dort weniger leisten. Am Dentin ist das nicht in gleicher Weise nötig — bei Universaladhäsiven ist die selektive Schmelzätzung deshalb der übliche Weg: Phosphorsäure auf den Schmelz, nicht aufs Dentin, dann das Adhäsiv über beides.

Was in der Anwendung zählt

Punkt Warum
Herstellerangaben einhalten Einwirkzeiten und Applikationsweise unterscheiden sich erheblich
Aktives Einreiben, wo vorgesehen Verbessert die Durchdringung — passives Auftragen genügt oft nicht
Lösungsmittel verblasen Restlösungsmittel schwächt den Verbund
Nicht übertrocknen Vor allem bei Etch-and-rinse am Dentin
Lichthärten vor dem Komposit Wo das System es vorsieht
⚠️ Der häufigste Fehler

Das Systemwechseln ohne Protokollwechsel. Adhäsivsysteme unterscheiden sich in Einwirkzeit, Anzahl der Schichten und Verblaseschritt erheblich — wer ein neues Produkt nach dem alten Protokoll verarbeitet, verschenkt einen Teil der Haftung.

Praktisch heißt das: Beim Produktwechsel wird die Gebrauchsanweisung einmal gelesen. Das dauert fünf Minuten und ist die wirksamste Qualitätsmaßnahme, die kostenlos ist.

Drei Fragen

Die Praxis arbeitet mit einem Universaladhäsiv. Welche Aussage trifft nicht zu?

Die dritte. Die Leitlinie empfiehlt die Schmelzätzung mit Phosphorsäure bei allen direkten Kompositrestaurationen — unabhängig vom System.Offene FrageWarum? Weil die milderen Säuren der Self-etch-Systeme am Schmelz weniger leisten. Der Schmelzverbund ist aber die stabile und gut vorhersagbare Seite — dort lohnt sich der zusätzliche Schritt.

Warum reagieren Schmelz und Dentin unterschiedlich?

Drei. Der Schmelzverbund ist der stabilere — der Dentinverbund ist die variablere Seite.Offene FrageWas folgt für die Präparation? Jeder erhaltene Schmelzrand verbessert die Randqualität. Deshalb wird Schmelz erhalten, wo möglich.

Was ist der häufigste Fehler beim Wechsel des Adhäsivsystems?

Die erste. Einwirkzeit, Schichtzahl und Verblaseschritt unterscheiden sich erheblich.Offene FrageWas hilft? Die Gebrauchsanweisung beim Produktwechsel einmal lesen. Fünf Minuten, und die wirksamste Qualitätsmaßnahme, die nichts kostet.

Das, was hängenbleiben soll

Schmelz ätzen, immer — auch wenn das Adhäsiv es angeblich selbst kann.

Quellen

  • S3-Leitlinie „Direkte Kompositrestaurationen an bleibenden Zähnen im Front- und Seitenzahnbereich“, AWMF-Register-Nr. 083-028, federführend DGZ und DGZMK, publiziert Mai 2024 — einschließlich der Handlungsempfehlungen zu Trockenlegung, Matrizentechnik, Adhäsivtechnik, Lichtpolymerisation sowie Ausarbeitung und Politur.Deckt ab: Empfehlungen zur Auswahl der Adhäsivsysteme und zur Schmelzätzung mit Phosphorsäure
  • Fang K, Chen K, Shi M, Wang L: Effect of different adhesive systems on dental defects and sensitivity to teeth in composite resin restoration – a systematic review and meta-analysis. Clinical Oral Investigations 2023; 27: 2495–2511 — Vergleich von Etch-and-rinse-, Self-etch- und Universaladhäsiven hinsichtlich Haltbarkeit, Randqualität und Sekundärkariesrate. DOIDeckt ab: Vergleich der Systemklassen hinsichtlich Haltbarkeit, Randqualität und Sekundärkariesrate

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