Füllungstherapie Vertiefung 7 Min

Selektive Exkavation bei tiefer Karies

Schritt 1 ·

Was du danach erklären kannst

Die Frage, wie tief exkaviert wird, ist neu beantwortet — und die Antwort steht der Regel entgegen, mit der die meisten gelernt haben.

1Was die aktuelle Leitlinie empfiehltUnd warum die vollständige Entfernung schadet.
2Wie die beiden Zonen behandelt werdenRand und Pulpanähe sind verschiedene Orte.
3Wie du die Dentinkonsistenz beurteilstDrei Stufen, klinisch unterscheidbar.
4Was bei einer Eröffnung folgtZwei gleichwertige Optionen.
7 MinutenVertiefung3 Selbstcheck-Fragen4 Quellen

„Muss da nicht alles raus?“

AssistenzzeitEine tiefe Läsion an 46, der Zahn ist beschwerdefrei, das pulpanahe Dentin ist weich. Die Kollegin zögert. „Ich habe gelernt, dass alle Karies raus muss. Aber wenn ich hier weitermache, eröffne ich die Pulpa.“

Sie hat den Konflikt richtig erkannt — und die aktuelle Empfehlung löst ihn zu ihren Gunsten auf.

Der springende PunktDie vollständige Entfernung bis ins harte Dentin erhöht das Risiko einer Pulpaeröffnung erheblich, ohne dass die Restauration dadurch länger hält. Sie schadet also, ohne zu nützen.

Was die Leitlinie empfiehlt

Die europäische S3-Leitlinie zum Management tiefer Karies bricht mit der Tradition der vollständigen Exkavation. Systematische Auswertungen zeigen: Bei Zähnen ohne Zeichen einer irreversiblen Pulpitis erhöht die vollständige Entfernung bis ins harte Dentin das Risiko einer Pulpaeröffnung signifikant, ohne einen Vorteil für die Langlebigkeit der Restauration zu bieten.

Empfohlen wird stattdessen die selektive Exkavation bis in weiches oder festes Dentin. Als Alternative wird die schrittweise Exkavation genannt. Die Leitlinie zu Kompositrestaurationen geht noch weiter und bevorzugt bei pulpanahen Läsionen die einzeitige selektive Entfernung gegenüber dem schrittweisen Vorgehen.

Zone Vorgehen Warum
Kavitätenrand, peripher Vollständig bis ins harte Dentin Trägt den Randschluss der Restauration
Pulpanah, zentral Weiches oder ledriges Dentin belassen Vermeidet die Eröffnung

Weil der dichte randständige Verschluss die verbliebenen Mikroorganismen von ihrer Nährstoffzufuhr abschneidet. Ohne Substrat werden sie inaktiv, und die Läsion schreitet nicht fort.

Genau deshalb ist die periphere Zone so wichtig: Der Randschluss ist die eigentliche Therapie. Eine Restauration mit undichtem Rand über belassenem Dentin ist etwas anderes als eine mit dichtem Rand — im ersten Fall hat man Karies eingeschlossen und offen gelassen zugleich.

Der Satz, der das zusammenfasst: Der Erhalt der Pulpa beginnt bei der Exkavation. Der spätere Bedarf an Wurzelkanalbehandlungen ist in vielen Fällen zumindest teilweise selbst verursacht.

Wie du die Dentinkonsistenz beurteilst

Konsistenz Befund Wo belassen
Weich Lässt sich mit dem Handinstrument leicht abheben Pulpanah
Ledrig Widerstand spürbar, aber verformbar Pulpanah
Fest Deutlicher Widerstand, kein Abheben Pulpanah, im Übergangsbereich
Hart Kratzendes Geräusch, kein Nachgeben Ziel am Kavitätenrand

Die Beurteilung erfolgt taktil, nicht visuell. Verfärbtes Dentin ist nicht zwangsläufig infiziert, und helles Dentin nicht zwangsläufig gesund. Was zählt, ist der Widerstand beim Abtasten mit einem stumpfen Instrument.

Praktisch bewährt hat sich das Vorgehen mit dem Handexkavator im pulpanahen Bereich: Er gibt die taktile Rückmeldung, die ein rotierendes Instrument nicht liefert — und er entfernt nicht mehr, als man will.

Die Leitlinie unterscheidet zwei Situationen:

Tiefe Karies: Die Läsion reicht bis ins innere Viertel des Dentins, eine schützende Dentinschicht über der Pulpa ist noch vorhanden. Hier ist die selektive Exkavation das Mittel der Wahl.

Extrem tiefe Karies: Die gesamte Dentindicke ist betroffen. Eine Eröffnung während der Behandlung ist wahrscheinlich und sollte eingeplant werden — nicht als Zwischenfall, sondern als erwartbarer Verlauf.

Die radiologische Beurteilung unterstützt die Einordnung, kann die tatsächliche Restdentindicke wegen der Projektion aber nicht zuverlässig abbilden.

Was bei einer Eröffnung folgt

Bei vitalen Zähnen ohne oder mit reversibler Pulpitis nennt die Leitlinie zwei gleichwertige Optionen: die direkte Überkappung und die partielle oder vollständige Pulpotomie.

Voraussetzung Inhalt
Kontrollierte Bedingungen Trockenlegung, Blutstillung, Sicht
Geeignetes Material Hydraulische Kalziumsilikatzemente
Dichter Verschluss Unmittelbar im Anschluss
Verlaufskontrolle Klinisch und radiologisch
⚠️ Zur Materialwahl

Kalziumhydroxid galt lange als Standard. Neuere klinische und radiologische Langzeitdaten zeigen die deutliche Überlegenheit hydraulischer Kalziumsilikatzemente: bessere Biokompatibilität, höhere mechanische Stabilität und eine wirksamere Förderung der Tertiärdentinbildung.

Und bei klinisch diagnostizierter irreversibler Pulpitis: Die partielle oder vollständige Pulpotomie ist mit diesen Materialien eine anerkannte Alternative zur vollständigen Wurzelkanalbehandlung. Die Einzelheiten stehen in der Endodontie.

Drei Fragen

Bei einer tiefen Läsion ist das pulpanahe Dentin weich, der Zahn beschwerdefrei. Welche Aussage trifft nicht zu?

Die dritte. Sie erhöht das Risiko einer Pulpaeröffnung signifikant, ohne einen Vorteil für die Langlebigkeit zu bieten.Offene FrageWas ist der Kernsatz? Der Erhalt der Pulpa beginnt bei der Exkavation — der spätere Bedarf an Wurzelkanalbehandlungen ist in vielen Fällen zumindest teilweise selbst verursacht.

Wie beurteilst du die Dentinkonsistenz?

Drei. Verfärbtes Dentin ist nicht zwangsläufig infiziert, und die Restdentindicke lässt sich radiologisch wegen der Projektion nicht zuverlässig beurteilen.Offene FrageWarum der Handexkavator? Er gibt die taktile Rückmeldung, die ein rotierendes Instrument nicht liefert — und er entfernt nicht mehr, als man will.

Was gilt bei einer Pulpaeröffnung am vitalen Zahn ohne irreversible Pulpitis?

Drei. Beide vitalerhaltenden Verfahren sind anerkannt — und die Materialfrage ist zugunsten der Kalziumsilikatzemente entschieden.Offene FrageWas gilt bei extrem tiefer Karies? Dort ist die Eröffnung wahrscheinlich und sollte eingeplant werden — als erwartbarer Verlauf, nicht als Zwischenfall.

Das, was hängenbleiben soll

Rand hart, Pulpanähe weich — der Randschluss ist die Therapie.

Quellen

  • S3-Leitlinie „Management tiefer Karies“ (Deep Caries Management), erste gemeinsame internationale und interdisziplinäre Leitlinie, veröffentlicht 2026, methodisch nach AWMF-Vorgaben und GRADE-Ansatz erstellt.Deckt ab: Definitionen der tiefen und extrem tiefen Karies, Empfehlung zur selektiven und schrittweisen Kariesentfernung sowie das Vorgehen bei Pulpaexposition
  • S3-Leitlinie „Direkte Kompositrestaurationen an bleibenden Zähnen im Front- und Seitenzahnbereich“, AWMF-Registernummer 083-028, Version 2.0, Stand Januar 2024, federführend DGZ und DGZMK — einschließlich der Empfehlung zur einzeitigen selektiven Kariesentfernung bei pulpanahen Dentinläsionen. AWMFDeckt ab: Empfehlung zur einzeitigen selektiven Kariesentfernung bei pulpanahen Dentinläsionen
  • Innes NPT, Frencken JE, Bjørndal L et al. Managing Carious Lesions: Consensus Recommendations on Terminology sowie Schwendicke F, Frencken JE, Bjørndal L et al. Managing Carious Lesions: Consensus Recommendations on Carious Tissue Removal. Advances in Dental Research 2016 — Konsensusempfehlungen der Internationalen Kariologischen Konsensuskonferenz.Deckt ab: Terminologie der Exkavationsgrade und die klinische Beurteilung der Dentinkonsistenz
  • Duncan HF, Kirkevang LL, Peters OA et al. Treatment of pulpal and apical disease: the European Society of Endodontology (ESE) S3-level clinical practice guideline. International Endodontic Journal 2023.Deckt ab: Einordnung der pulpalen Diagnose und die Grenzen vitalerhaltender Verfahren

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