Implantologie Vertiefung 6 Min

Der zahnlose Unterkiefer

Schritt 1 ·

Was du danach erklären kannst

Die Indikation mit dem klarsten Nutzen in der gesamten Implantologie — und einer Empfehlung, die seit Jahren in Konsenserklärungen steht und trotzdem zu selten umgesetzt wird.

1Warum die Totalprothese hier so schlecht hältAnatomie und Muskulatur arbeiten dagegen.
2Was zwei Implantate ändernDer Unterschied ist größer als bei jeder anderen Indikation.
3Was die Konsenserklärungen sagenSie sind ungewöhnlich deutlich.
4Wann mehr Implantate sinnvoll sindUnd wann zwei genügen.
6 MinutenVertiefung3 Selbstcheck-Fragen4 Quellen

„Die untere hält einfach nicht“

Sprechstunde74 Jahre, seit Jahren Totalprothesen in beiden Kiefern. Die obere sitzt gut, die untere hebt sich beim Sprechen und wandert beim Kauen. Mehrere Unterfütterungen haben nichts gebracht. „Die untere hält einfach nicht — kann man da gar nichts machen?“

Doch, und zwar mit vergleichsweise wenig Aufwand. Diese Konstellation ist der Fall, bei dem Implantate den größten Unterschied machen.

Der springende PunktDie Unterkiefertotalprothese hat kaum Halt, weil ihr die Auflagefläche fehlt, die der Oberkiefer über den Gaumen bietet. Das lässt sich durch Unterfütterung nicht lösen.

Warum sie so schlecht hält

Faktor Wirkung
Fehlender Gaumen Keine großflächige Saughaftung wie im Oberkiefer
Beweglicher Mundboden Hebt die Prothese von unten an
Zungenbewegungen Lösen sie von innen
Muskelansätze Ziehen an den Rändern
Fortschreitende Atrophie Verringert die Auflagefläche weiter

Das erklärt, warum Unterfütterungen wenig bringen. Sie verbessern die Passung an einen Kieferkamm, der zu wenig Fläche bietet — das Grundproblem bleibt. Zwei Implantate lösen es, weil sie eine Verankerung schaffen, die es vorher überhaupt nicht gab.

Zu dieser Frage gibt es Konsenserklärungen, die ungewöhnlich deutlich ausfallen: Die implantatgestützte Deckprothese auf zwei Implantaten wird darin als Versorgungsstandard für den zahnlosen Unterkiefer bezeichnet — mit der Konsequenz, dass die konventionelle Totalprothese nicht mehr als die angemessene Erstversorgung gilt.

Diese Position ist seit Jahren etabliert. Dass sie in der Praxis nicht durchgängig umgesetzt wird, liegt an Kosten, Aufklärung und daran, dass viele Patienten gar nicht wissen, dass es die Möglichkeit gibt.

Wann zwei genügen und wann mehr sinnvoll ist

Situation Erwägung
Halt der Prothese ist das Hauptproblem Zwei Implantate lösen es meist
Überwiegend implantatgetragene Abstützung gewünscht Mehr Implantate, gegebenenfalls Steg
Ausgeprägte Atrophie mit sehr wenig Auflagefläche Mehr Implantate erwägen
Starke Belastung, kräftige Kaumuskulatur Mehr Implantate erwägen
Begrenzte Mittel Zwei Implantate bringen bereits den größten Zugewinn

Der Zugewinn ist nicht linear. Der Sprung von null auf zwei Implantate ist der größte — er verwandelt eine wandernde Prothese in eine sitzende. Jedes weitere Implantat verbessert die Abstützung zusätzlich, aber nicht mehr in derselben Größenordnung.

⚠️ Was du dem Patienten sagst

Dass es eine Lösung gibt, dass sie vergleichsweise überschaubar ist und dass sie genau sein Problem behebt. Viele Patienten in dieser Situation haben sich damit abgefunden und fragen nicht mehr — der Hinweis kommt dann von dir oder gar nicht.

Drei Fragen

Eine 74-Jährige klagt über eine Unterkiefertotalprothese, die trotz Unterfütterungen nicht hält. Welche Aussage trifft nicht zu?

Die dritte. Unterfütterungen verbessern die Passung an eine Fläche, die zu klein ist — das Grundproblem bleibt.Offene FrageWarum halten sie im Oberkiefer besser? Weil dort der Gaumen eine großflächige Auflage bietet. Im Unterkiefer fehlt diese Fläche vollständig.

Welche Aussagen zur Versorgung des zahnlosen Unterkiefers treffen zu?

Drei. Der Zugewinn ist nicht linear, und die Konsenserklärungen ziehen gerade die gegenteilige Konsequenz zur Erstversorgung.Offene FrageWarum wird die Empfehlung trotzdem selten umgesetzt? Kosten, Aufklärung — und weil viele Patienten gar nicht wissen, dass es die Möglichkeit gibt.

Wann sind mehr als zwei Implantate zu erwägen?

Drei. Der Zugewinn nimmt ab, und der Wunsch allein ist kein Kriterium — die Abwägung berücksichtigt Befund und Belastung.Offene FrageWas heißt das bei begrenzten Mitteln? Dass zwei Implantate bereits den größten Teil des Nutzens bringen. Das ist eine wichtige Information für Patienten, die die Versorgung sonst gar nicht angehen würden.

Das, was hängenbleiben soll

Zwei Implantate lösen hier ein Problem, das keine Unterfütterung löst.

Quellen

  • Feine JS, Carlsson GE, Awad MA et al.: The McGill consensus statement on overdentures. International Journal of Prosthodontics 2002; 15(4): 413–414, sowie Thomason JM, Feine J, Exley C et al.: Mandibular two implant-supported overdentures as the first choice standard of care for edentulous patients – the York Consensus Statement. British Dental Journal 2009; 207(4): 185–186 — die implantatgetragene Deckprothese auf zwei Implantaten als Standardversorgung des zahnlosen Unterkiefers. DOIDeckt ab: Bewertung der Deckprothese auf zwei Implantaten als Versorgungsstandard für den zahnlosen Unterkiefer
  • Leitlinie zur implantatprothetischen Versorgung des zahnlosen Unterkiefers, federführend DGI, DGPro und DGZMK — Implantatzahl, Verankerungsformen und Versorgungskonzepte.Deckt ab: Implantatzahl, Verankerungsformen und Versorgungskonzepte im zahnlosen Unterkiefer
  • Payne AGT, Alsabeeha NHM, Atieh MA, Esposito M, Ma S, Anas El-Wegoud M: Interventions for replacing missing teeth – attachment systems for implant overdentures in edentulous jaws. Cochrane Database of Systematic Reviews 2018; Issue 10: CD008001 — Vergleich der Attachmentsysteme nach prothetischem Erfolg, Nachsorgeaufwand und Patientenzufriedenheit. DOIDeckt ab: Vergleich der Verankerungselemente in dieser Indikation
  • Sozialgesetzbuch Fünftes Buch, § 55 und § 56 — Festzuschussregelung und Zuordnung der Befunde zu den Regelversorgungen.Deckt ab: Festzuschussregelung bei zahnlosem Kiefer

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