Implantologie Vertiefung 7 Min

Der Implantationszeitpunkt

Schritt 1 ·

Was du danach erklären kannst

Der Patient will nicht zweimal operiert werden — verständlich. Für diese Frage gibt es eine eigene Leitlinie, und sie kennt mehr als zwei Möglichkeiten.

1Welche Zeitpunkte unterschieden werdenVier, nicht zwei.
2Was für die Sofortimplantation sprichtUnd welche Voraussetzungen sie hat.
3Warum ein Infekt die Sache beendetOsseointegration braucht ein sauberes Lager.
4Warum die Entscheidung erst im Situs fälltDie Planung ist ein Vorbehalt.
7 MinutenVertiefung3 Selbstcheck-Fragen4 Quellen

„Kann man das nicht gleich einsetzen?“

Sprechstunde49 Jahre, Zahn 21 mit Wurzelfraktur, die Extraktion ist unvermeidlich. Kein Anhalt für einen Infekt, gutes Knochenangebot. „Kann man das Implantat nicht gleich einsetzen, wenn der Zahn raus ist? Ich möchte nicht zweimal operiert werden.“

Möglicherweise — und die Leitlinie zu den Implantationszeitpunkten kennt dafür einen eigenen Begriff. Sie kennt allerdings auch zwei Zwischenlösungen, die der Patient nicht auf dem Schirm hat.

Der springende PunktEs gibt nicht nur „sofort“ und „später“. Zwischen der Extraktion und der klassischen Spätimplantation liegen zwei weitere Zeitpunkte mit eigenen Vor- und Nachteilen.

Die Systematik der Zeitpunkte

Zeitpunkt Wann Kennzeichen
Sofortimplantation In derselben Sitzung wie die Extraktion Ein Eingriff, aber hohe Anforderungen an die Ausgangslage
Verzögerte Sofortimplantation Nach Abheilung des Weichgewebes Geschlossene Schleimhaut, Alveole noch nicht knöchern durchbaut
Verzögerte Implantation Nach beginnender knöcherner Konsolidierung Bessere Ausgangslage für die Primärstabilität
Spätimplantation Nach abgeschlossener Ausheilung Vorhersagbarste Verhältnisse, aber Kammverlust bereits eingetreten

Der Zielkonflikt ist in allen vier Varianten derselbe: Je früher implantiert wird, desto weniger Kammverlust ist eingetreten — und desto schwieriger sind Primärstabilität und Weichgewebsdeckung. Je später, desto vorhersagbarer der Ablauf und desto größer der bereits eingetretene Verlust.

  • Kein akuter Infekt an der Extraktionsstelle
  • Intakte knöcherne Alveolenwände
  • Ausreichend Knochen jenseits der Alveole für die Primärstabilität
  • Möglichkeit einer Weichgewebsdeckung
  • Entsprechende Erfahrung — besonders im sichtbaren Bereich

Der letzte Punkt wird unterschätzt. Im Frontzahnbereich mit hoher Lachlinie entscheidet die Position des Implantats über das ästhetische Ergebnis, und Korrekturen sind aufwendig. Das ist kein Fall für die ersten Sofortimplantationen.

Die Osseointegration setzt voraus, dass der Knochen an die Implantatoberfläche anwächst. Ein infiziertes Lager verhindert genau das — und ein Implantat, das nicht einheilt, ist ein Frühverlust mit zusätzlichem Knochendefekt.

Bei einem akuten periapikalen oder parodontalen Infekt wird deshalb extrahiert, ausgeheilt und später implantiert. Die Wartezeit ist keine Vorsicht, sondern die Bedingung.

Warum die Entscheidung erst im Situs fällt

Was die Aufnahme zeigt und was sich nach der Extraktion zeigt, kann auseinanderfallen. Eine bukkale Lamelle, die auf dem Bild vorhanden erscheint, kann bei der Entfernung des Zahns brechen — oder sie war bereits vorher nicht mehr vollständig.

Nach der Extraktion prüfen Was es bedeutet
Alveolenwände vollständig? Eine Fenestrierung ändert die Planung
Granulationsgewebe vollständig entfernbar? Reste gefährden die Einheilung
Knochen apikal ausreichend? Er trägt die Primärstabilität
Erreichtes Eindrehmoment? Die praktische Bestätigung der Stabilität
⚠️ Was der Patient vorher wissen muss

Dass die Sofortimplantation geplant, aber nicht zugesagt ist — und dass die Entscheidung im Eingriff fällt. Ein Patient, der mit einer festen Zusage kommt und mit einer ausgeheilten Alveole nach Hause geht, erlebt das als Misserfolg. Diese Erwartung gehört vorher gesetzt, nicht hinterher erklärt.

Drei Fragen

Bei einem 49-Jährigen mit Wurzelfraktur an 21 wird die Sofortimplantation erwogen. Welche Aussage trifft nicht zu?

Die dritte. Was die Aufnahme zeigt und was sich nach der Extraktion zeigt, kann auseinanderfallen — die Entscheidung fällt im Situs.Offene FrageWas heißt das für die Aufklärung? Dass die Sofortimplantation als Plan unter Vorbehalt benannt wird. Ein Patient mit fester Zusage erlebt die Umstellung sonst als Misserfolg.

Welche Voraussetzungen hat die Sofortimplantation?

Drei. Der Durchmesser richtet sich nach den Verhältnissen, und die Weichgewebsdeckung ist gerade eine Voraussetzung, kein Verzichtspunkt.Offene FrageWarum ist der Knochen jenseits der Alveole so wichtig? Weil die Alveolenwände dem frisch gesetzten Implantat wenig Halt bieten. Die Primärstabilität kommt aus dem Knochen darüber hinaus.

Was ist der Zielkonflikt zwischen den Zeitpunkten?

Die erste. Je früher, desto weniger ist verloren — und desto anspruchsvoller ist der Eingriff. Je später, desto vorhersagbarer der Ablauf und desto mehr Verlust.Offene FrageWie entscheidet man? Nach der Ausgangslage, der Erfahrung und der Region. Im ästhetisch anspruchsvollen Bereich wiegt der Kammerhalt schwerer — dafür sind die Anforderungen dort auch am höchsten.

Das, was hängenbleiben soll

Vier Zeitpunkte, ein Zielkonflikt — und entschieden wird im Situs.

Quellen

  • S2k-Leitlinie „Implantationszeitpunkte“, AWMF-Register-Nr. 083-040, Stand Juli 2023. Federführend DGI und DGZMK.Deckt ab: Systematik der Implantationszeitpunkte, Voraussetzungen und Abwägung der jeweiligen Vorgehensweisen
  • Sanz M, Herrera D, Kebschull M et al. Treatment of stage I–III periodontitis — The EFP S3-level clinical practice guideline. Journal of Clinical Periodontology 2020; 47 (Suppl 22): 4–60.Deckt ab: parodontale Voraussetzungen und die Behandlung einer bestehenden Parodontitis vor Implantation
  • S3-Leitlinie „Indikationen zur implantologischen 3D-Röntgendiagnostik und navigationsgestützten Implantologie“, AWMF-Registernummer 083-011, federführend DGI und DGZMK.Deckt ab: bildgebende Diagnostik zur Beurteilung der Ausgangssituation
  • Bürgerliches Gesetzbuch §§ 630a bis 630f — Behandlungsvertrag, Aufklärung über Risiken und Alternativen sowie Dokumentation.Deckt ab: Aufklärung über die Alternativen und ihre jeweiligen Vor- und Nachteile

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