Implantologie Vertiefung 7 Min

Knochenantiresorptiva und Implantat

Schritt 1 ·

Was du danach erklären kannst

Die Leitlinie zu dieser Frage wurde 2026 aktualisiert — und sie räumt mit zwei Vorstellungen auf, die sich in der Praxis hartnäckig halten.

1Was die Risikoeinschätzung tatsächlich bestimmtVor allem die Indikation, nicht die Dauer allein.
2Warum die Bestimmung von Knochenmarkern nicht empfohlen wirdDie Aussagekraft ist nicht belegt.
3Wie die aktuelle Fassung Risiken einordnetDifferenziert statt absolut.
4Was in die Aufklärung gehörtEin Risiko, das der Eingriff selbst auslösen kann.
7 MinutenVertiefung3 Selbstcheck-Fragen4 Quellen

„Meine Freundin hat auch Bisphosphonate“

Sprechstunde71 Jahre, Implantatwunsch regio 35. Sie nimmt seit vier Jahren ein orales Bisphosphonat wegen Osteoporose. „Meine Freundin hat auch Bisphosphonate und hat ein Implantat bekommen — geht das bei mir auch?“

Möglicherweise. Der Vergleich mit der Freundin trägt allerdings nicht: Was zählt, ist die Konstellation im Einzelfall — und dazu gehört mehr als der Wirkstoff.

Der springende PunktDie Indikation macht den größten Unterschied. Eine antiresorptive Therapie bei Osteoporose ist etwas anderes als eine hochdosierte Gabe in onkologischer Indikation.

Was die Risikoeinschätzung bestimmt

Faktor Warum er zählt
Indikation Osteoporose oder onkologische Indikation — der stärkste Einzelfaktor
Wirkstoff Bisphosphonate und Denosumab unterscheiden sich in Wirkdauer und Verhalten
Applikationsweg und Dosis Hochdosierte parenterale Gabe trägt ein anderes Risiko
Therapiedauer Ein Faktor unter mehreren, nicht das alleinige Kriterium
Begleitfaktoren Kortikosteroide, Diabetes, Rauchen, Mundhygiene

Die aktualisierte S3-Leitlinie ordnet Patienten auf dieser Grundlage in Risikogruppen ein und leitet daraus Empfehlungen ab. Das ersetzt die frühere Vorstellung fester absoluter Grenzen — die Frage lautet nicht mehr „ja oder nein“, sondern mit welcher Zurückhaltung, mit welchem Aufklärungsumfang und an welchem Ort.

Die Bestimmung von Markern des Knochenabbaus — etwa des ß-CTX-Werts — wird von der aktualisierten Leitlinie ausdrücklich nicht empfohlen: Ihre Aussagekraft für die individuelle Risikobewertung ist wissenschaftlich nicht belegt.

Das ist eine wichtige Korrektur. Die Vorstellung, ein Laborwert könne die Entscheidung objektivieren, ist verbreitet — sie führt aber zu einer Scheinsicherheit. Was tatsächlich zählt, ist die klinische Konstellation.

Eine Unterbrechung der antiresorptiven Therapie vor dem Eingriff wird immer wieder diskutiert. Bei Bisphosphonaten spricht ein pharmakologisches Argument dagegen: Sie lagern sich in den Knochen ein und verbleiben dort über sehr lange Zeiträume — eine Pause von Wochen ändert daran wenig.

Unabhängig davon ist die Entscheidung über eine Therapiepause keine zahnärztliche. Sie betrifft die Grunderkrankung, und die Abwägung gehört in die Hände der verordnenden Praxis.

Was in die Aufklärung gehört

Das zentrale Risiko ist die antiresorptiva-assoziierte Kiefernekrose. Sie ist schwer zu behandeln, und ein operativer Eingriff im Kiefer gehört zu den Situationen, die sie auslösen können.

Punkt Inhalt
Das Nekroserisiko Ausdrücklich benannt, nicht umschrieben
Der Eingriff als möglicher Auslöser Auch die spätere periimplantäre Entzündung zählt dazu
Alternativen Einschließlich der Möglichkeit, nicht zu implantieren
Nachsorge Engmaschiger als üblich, dauerhaft
Abstimmung Mit der verordnenden Praxis, dokumentiert
⚠️ Der Punkt, der oft fehlt

Nicht nur die Implantation kann eine Nekrose auslösen — auch eine später auftretende periimplantäre Entzündung. Das Risiko endet also nicht mit der Einheilung. Genau deshalb ist die dauerhaft engmaschige Nachsorge bei diesen Patienten Teil der Indikationsentscheidung, nicht ein Zusatz.

Drei Fragen

Eine 71-Jährige nimmt seit vier Jahren ein orales Bisphosphonat wegen Osteoporose. Welche Aussage trifft nicht zu?

Die dritte. Die aktualisierte Leitlinie empfiehlt die Bestimmung solcher Marker ausdrücklich nicht — ihre Aussagekraft für die individuelle Risikobewertung ist nicht belegt.Offene FrageWarum hält sich die Vorstellung? Weil ein Laborwert nach Objektivität aussieht. Genau das macht ihn hier gefährlich: Er erzeugt Scheinsicherheit, wo eine klinische Abwägung nötig wäre.

Welche Faktoren bestimmen die Risikoeinschätzung?

Drei. Die Dauer ist ein Faktor unter mehreren — sie allein trägt die Einschätzung nicht.Offene FrageWarum ist die Indikation so wichtig? Weil sich die Dosierungen erheblich unterscheiden. Eine osteologische Therapie ist etwas anderes als eine hochdosierte Gabe in onkologischer Indikation — und das Risiko entsprechend auch.

Was gilt für eine Therapiepause vor dem Eingriff?

Die erste. Sie betrifft die Grunderkrankung, und die Abwägung liegt nicht in der Zahnmedizin.Offene FrageWas spricht pharmakologisch dagegen? Bisphosphonate lagern sich in den Knochen ein und verbleiben dort über sehr lange Zeiträume. Eine Pause von Wochen ändert daran wenig.

Das, was hängenbleiben soll

Die Indikation zählt mehr als die Dauer — und ein Laborwert ersetzt die Abwägung nicht.

Quellen

  • S3-Leitlinie „Zahnimplantate bei medikamentöser Behandlung mit Knochenantiresorptiva (inkl. Bisphosphonate)“, AWMF-Register-Nr. 083-026, aktualisierte Fassung Stand März 2026, gültig bis März 2031. Federführend DGI und DGZMK.Deckt ab: Indikationsfindung unter antiresorptiver Therapie, differenzierte Risikoabwägung nach Indikation und Applikationsweg sowie die Bewertung von Knochenumbaumarkern und einer Therapiepause
  • S3-Leitlinie „Antiresorptiva-assoziierte Kiefernekrosen (AR-ONJ)“, AWMF-Register-Nr. 007-091, federführend DGMKG und DGZMK — Diagnostik und Therapie der Kiefernekrose.Deckt ab: Definition, Risikofaktoren und Therapie der antiresorptiva-assoziierten Kiefernekrose
  • Bürgerliches Gesetzbuch §§ 630a bis 630f — Behandlungsvertrag, Aufklärung über Alternativen und Risiken sowie Dokumentation.Deckt ab: Aufklärung über das Nekroserisiko und deren Dokumentation
  • Fachinformation des jeweils eingenommenen Präparats zu Bisphosphonaten und Denosumab — maßgebliche Angaben zu Wirkstoff, Applikationsform und Risikoprofil.Deckt ab: präparatspezifische Angaben zu Wirkstoff, Dosierung und Applikationsweg

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