Parodontologie Grundlagen 6 Min

PSI — das Screening richtig lesen

Schritt 1 ·

Was du danach erklären kannst

Das Screening dauert zwei Minuten und wird trotzdem regelmäßig falsch gelesen. Der häufigste Fehler ist nicht die Erhebung, sondern was danach passiert — oder eben nicht passiert.

1Was der Index misst und was nichtEr ist ein Screening, keine Diagnose.
2Wie die Codes zu lesen sindAb welchem Wert eine vollständige Befunderhebung folgt.
3Was der Stern bedeutetEin Zusatz, der oft übersehen wird.
4Warum das Screening ohne Konsequenz wertlos istDer eigentliche Fehler liegt danach.
6 MinutenGrundlagen3 Selbstcheck-Fragen4 Quellen

Code 3 in zwei Sextanten

Kontrolluntersuchung45 Jahre, kommt seit Jahren regelmäßig. Beim Screening ergeben sich in zwei Sextanten Code 3, in den übrigen Code 1 und 2. Der Patient hat keine Beschwerden. „Ist alles in Ordnung? Ich habe ja keine Schmerzen.“

Nein, es ist nicht alles in Ordnung — und die Beschwerdefreiheit ist gerade das Kennzeichen der Erkrankung, nicht ihr Gegenbeweis.

Der springende PunktDer Screening-Befund ist keine Diagnose. Er ist der Auslöser für eine vollständige Befunderhebung — und die ist der eigentliche Schritt.

Was der Index leistet

Der Parodontale Screening Index teilt das Gebiss in sechs Sextanten und erfasst pro Sextant den höchsten Befundwert. Gemessen wird mit einer speziell markierten Sonde, die die Ablesung der Sondierungstiefe erleichtert.

Code Befund Konsequenz
0 keine Blutung, kein Zahnstein, Sondierung im gesunden Bereich Kontrolle im üblichen Intervall
1 Blutung auf Sondierung Mundhygieneinstruktion, professionelle Reinigung
2 zusätzlich Zahnstein oder überstehende Ränder Beseitigung der Reizfaktoren, Instruktion
3 Sondierungstiefe im mittleren Bereich vollständige Befunderhebung des betroffenen Bereichs
4 Sondierungstiefe im tiefen Bereich vollständige Befunderhebung des gesamten Gebisses

Er wird zusätzlich vergeben, wenn Befunde vorliegen, die der Code selbst nicht abbildet: eine Furkationsbeteiligung, eine deutliche Rezession, eine erhöhte Beweglichkeit oder eine mukogingivale Problematik. Ein Code 2 mit Stern ist etwas anderes als ein Code 2 — und der Stern wird häufig weggelassen, weil er sich nicht aus der Sondierungstiefe ergibt.

Der Index bildet pro Sextant den ungünstigsten Befund ab. Das ist gewollt: Ein Screening soll nicht mitteln, sondern auffällige Bereiche finden. Ein Sextant mit fünf gesunden Zähnen und einer tiefen Tasche bekommt deshalb den hohen Code — und genau darum geht es.

Der eigentliche Fehler liegt danach

Ein Screening ohne Konsequenz ist keine Diagnostik, sondern Dokumentation. Wird Code 3 oder 4 erhoben und folgt daraus keine vollständige Befunderhebung, ist der Aufwand vergeudet — und der Befund steht in der Akte, ohne dass etwas daraus wurde.

Was folgt Inhalt
Vollständiger Parodontalstatus Sondierungstiefen an sechs Stellen je Zahn, Attachmentlevel, Blutung
Weitere Befunde Furkation, Beweglichkeit, Rezession
Bildgebung Bei entsprechendem Befund und mit eigener rechtfertigender Indikation
Anamnese vertiefen Rauchen, Diabetes, Familienanamnese
Einordnung Erst danach folgt die Diagnose nach Stadium und Grad
⚠️ Zur Beschwerdefreiheit

Parodontitis verläuft über lange Zeit ohne Schmerzen. Die Frage des Patienten ist deshalb nicht naiv, sondern der Normalfall — und die Antwort darauf entscheidet, ob er die weitere Diagnostik mitmacht. Wer nur sagt, es sei nicht in Ordnung, ohne zu erklären warum es nicht wehtut, verliert ihn.

Drei Fragen

Bei einem beschwerdefreien Patienten ergibt das Screening in zwei Sextanten Code 3. Welche Aussage trifft nicht zu?

Die dritte. Der Index ist ein Screening. Die Diagnose nach Stadium und Grad folgt erst aus der vollständigen Befunderhebung.Offene FrageWarum wird trotzdem oft direkt behandelt? Weil der Code eine Zahl ist und Zahlen nach Diagnose aussehen. Was fehlt, ist alles, was der Index nicht erfasst: Attachmentlevel, Verteilung, Verlauf und Risikofaktoren.

Welche Aussagen zum Screening treffen zu?

Drei. Der Index ersetzt den Status nicht, und ein Patient mit erfolgreich behandelter Parodontitis kann unauffällige Screeningwerte haben — bei reduziertem Parodont.Offene FrageWas heißt das für den behandelten Patienten? Dass das Screening bei ihm wenig aussagt und der vollständige Status die maßgebliche Grundlage bleibt. Genau deshalb hat die Nachsorge eine eigene Systematik.

Was ist der häufigste Fehler im Umgang mit dem Screening?

Die erste. Die anderen Fehler kommen vor, sind aber leichter zu bemerken. Ein dokumentierter Code 3 ohne nachfolgende Befunderhebung ist der Fehler, der jahrelang unentdeckt bleibt.Offene FrageWie fällt das später auf? Meist gar nicht — bis der Patient Zähne verliert und die Akte zeigt, dass der Befund bekannt war. Das ist der Grund, warum die Konsequenz zum Screening gehört und nicht dahinter.

Das, was hängenbleiben soll

Der Code ist der Auslöser, nicht die Diagnose — und ohne Konsequenz war er umsonst.

Quellen

  • Meyle J, Jepsen S: Der Parodontale Screening-Index (PSI). Parodontologie 2000; 11: 17–21, sowie Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses über eine ausreichende, zweckmäßige und wirtschaftliche vertragszahnärztliche Versorgung (Behandlungsrichtlinie), Abschnitt B I. Nr. 2 — Erhebung und Bewertung des PSI sowie die Regelungen zur Früherkennung parodontaler Erkrankungen in der vertragszahnärztlichen Versorgung.Deckt ab: Erhebung des Parodontalen Screening Index, Codewerte und die daraus abgeleiteten Konsequenzen
  • Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses zur systematischen Behandlung von Parodontitis und anderen Parodontalerkrankungen (PAR-Richtlinie), in Kraft seit Juli 2021.Deckt ab: Stellung des Screenings in der vertragszahnärztlichen Versorgung und Übergang zur weiteren Diagnostik
  • Tonetti MS, Greenwell H, Kornman KS. Staging and grading of periodontitis: framework and proposal of a new classification and case definition. Journal of Clinical Periodontology 2018; 45 (Suppl 20): S149–S161.Deckt ab: Weiterführende Befunderhebung, auf die ein auffälliges Screening hinführt
  • Sanz M, Herrera D, Kebschull M, Chapple I, Jepsen S, Berglundh T, Sculean A, Tonetti MS. Treatment of stage I–III periodontitis — The EFP S3-level clinical practice guideline. Journal of Clinical Periodontology 2020; 47 (Suppl 22): 4–60.Deckt ab: Einordnung des Screenings in den Behandlungsablauf

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