Kinderzahnheilkunde Vertiefung 6 Min

Kinder mit Zerebralparese

Schritt 1 ·

Was du danach erklären kannst

Hier entscheidet sich vieles, bevor das erste Instrument im Mund ist: Lagerung, Zugang und die Frage, wer die Bewegungen des Kindes am besten kennt.

1Warum die Lagerung zuerst kommtSie bestimmt, ob überhaupt gearbeitet werden kann.
2Wie du den Mund erreichstEin Reflex macht den seitlichen Zugang wichtig.
3Warum das Kariesrisiko erhöht istZwei Gründe, die beide nichts mit Zucker zu tun haben.
4Wer die wichtigste Auskunft gibtNicht die Akte, sondern die Bezugsperson.
6 MinutenVertiefung3 Selbstcheck-Fragen4 Quellen

„Sie beißt manchmal zu“

Recall10 Jahre, spastische Diplegie, Rollstuhl. Ausgeprägte Gingivitis, deutlicher Bruxismus. Die Mutter putzt täglich. „Ich putze ihr oft die Zähne. Aber sie beißt manchmal zu. Und sie kann den Mund nicht lange aufhalten.“

Die Mutter beschreibt genau die zwei Hindernisse, um die es geht — und sie weiß am besten, wie sie damit umgeht.

Der springende PunktDie Ausprägungen reichen von leichter Spastik bis zur schweren Beeinträchtigung. Es gibt kein Standardvorgehen, nur eine individuelle Anpassung.

Lagerung und Zugang

Die Lagerung steht am Anfang. Ist ein Umsetzen aus dem Rollstuhl schwierig oder für das Kind belastend, kann in vielen Praxen im Rollstuhl behandelt werden. Der Kopf braucht eine stabile Abstützung, der Körper eine ruhige Sicherung — sichern heißt dabei stützen, nicht fixieren.

Beim Zugang zum Mund ist ein Reflex zu beachten: Berührung im Bereich der Mundwinkel kann ein Zubeißen auslösen. Instrumente werden deshalb seitlich eingeführt, und ein Aufbisshilfsmittel wird behutsam eingesetzt — nie mit Kraft. Kurze Arbeitsintervalle mit Pausen sind besser als der Versuch, eine lange Öffnung zu erzwingen.

Sie kennt die Bewegungsmuster, weiß, welche Position toleriert wird, und erkennt frühzeitig, wann die Spannung steigt. Diese Kenntnis ist durch keine Akte zu ersetzen. Sie aktiv einzubeziehen — bei der Positionierung, bei der Einschätzung, wann eine Pause nötig ist — ist keine Höflichkeit, sondern der praktisch wirksamste Schritt.

Warum das Kariesrisiko erhöht ist

Faktor Wirkung
Mundatmung Austrocknung, weniger Selbstreinigung
Dauermedikation Mundtrockenheit als Nebenwirkung, teils gesüßte Zubereitungen
Erschwerte Mundhygiene Zugang und Dauer sind begrenzt
Schluckstörungen Nahrung verweilt länger im Mund

Daraus folgt eine intensivere Prophylaxe: engere Intervalle, professionelle Fluoridierung mehrmals jährlich und eine praktische Anleitung der Bezugsperson — einschließlich der Frage, wie der Kopf beim Putzen stabilisiert wird und ob eine elektrische Bürste die Sache erleichtert.

⚠️ Zum Bruxismus

Er ist häufig und lässt sich meist nicht abstellen. Was möglich ist: den Verschleiß beobachten, die Empfindlichkeit im Blick behalten und im Einzelfall mit der betreuenden neurologischen Praxis besprechen. Eine Schiene ist bei fehlender Kooperation oft keine Option — das gehört ehrlich gesagt, statt sie zu verordnen und auf Umsetzung zu hoffen.

Drei Fragen

Ein zehnjähriges Kind mit spastischer Diplegie kommt im Rollstuhl zum Recall. Welche Aussage trifft nicht zu?

Die dritte. Ein Aufbisshilfsmittel wird behutsam eingesetzt, nicht mit Kraft. Erzwungene Öffnung erhöht die Spannung und macht die Situation schlechter, nicht besser.Offene FrageWas hilft stattdessen? Kurze Arbeitsintervalle mit Pausen und der seitliche Zugang. Was in fünf Minuten nicht geht, geht auch in zehn nicht — aber in drei Abschnitten von je zwei Minuten oft doch.

Welche Faktoren erhöhen hier das Kariesrisiko?

Drei. Ein pauschal höherer Zuckerkonsum ist nicht anzunehmen, und die Grunderkrankung wirkt nicht direkt auf die Zähne — sie wirkt über die genannten Faktoren.Offene FrageWarum ist diese Unterscheidung wichtig? Weil sie zeigt, wo man ansetzen kann. Mundtrockenheit und erschwerter Zugang sind beeinflussbar — die Grunderkrankung ist es nicht.

Wie gehst du mit dem Beißreflex um?

Die erste. Der Reflex wird durch Berührung im Bereich der Mundwinkel ausgelöst — der seitliche Zugang umgeht ihn. Eine Aufforderung greift bei einem unwillkürlichen Reflex nicht.Offene FrageUnd wenn es trotzdem zum Zubeißen kommt? Nicht ziehen, sondern warten, bis die Spannung nachlässt. Der Versuch, ein Instrument gegen den Reflex herauszuziehen, ist die häufigste Ursache für Verletzungen.

Das, was hängenbleiben soll

Erst die Lagerung, dann der Zugang — und die Bezugsperson kennt das Kind besser als jede Akte.

Quellen

  • American Academy of Pediatric Dentistry. Management of Dental Patients with Special Health Care Needs. Best Practices. The Reference Manual of Pediatric Dentistry, Ausgabe 2025–2026. Chicago, Ill.: American Academy of Pediatric Dentistry. AAPDDeckt ab: Lagerung, Zugang zur Mundhöhle, Einbindung der Bezugspersonen und Anpassung der Mundhygiene
  • American Academy of Pediatric Dentistry. Caries-risk Assessment and Management for Infants, Children, and Adolescents. Best Practices. The Reference Manual of Pediatric Dentistry, Ausgabe 2025–2026. Chicago, Ill.: American Academy of Pediatric Dentistry. AAPDDeckt ab: erhöhtes Kariesrisiko durch Mundatmung und Dauermedikation, Intensivierung der Prophylaxe
  • American Academy of Pediatric Dentistry. Behavior Guidance for the Pediatric Dental Patient. Best Practices. The Reference Manual of Pediatric Dentistry, Ausgabe 2025–2026. Chicago, Ill.: American Academy of Pediatric Dentistry. AAPDDeckt ab: Verhaltensführung und Umgang mit unwillkürlichen Bewegungen
  • Übereinkommen der Vereinten Nationen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen, Artikel 25 — gleichberechtigter Zugang zur Gesundheitsversorgung.Deckt ab: Anspruch auf gleichberechtigten Zugang zur Gesundheitsversorgung als Rahmen jeder Anpassung

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