Kinderzahnheilkunde Vertiefung 6 Min

Fluorose und MIH unterscheiden

Schritt 1 ·

Was du danach erklären kannst

Beide zeigen weiße Flecken im Schmelz, und beide werden regelmäßig verwechselt. Die Unterscheidung gelingt mit zwei Merkmalen — und sie ist folgenreich, weil das eine harmlos ist und das andere behandlungsbedürftig.

1Woran du beide auseinanderhältstSymmetrie und Abgrenzung genügen meistens.
2Wie MIH definiert istDie diagnostischen Kriterien sind präzise formuliert.
3Was zur Ätiologie gesichert istWeniger, als in vielen Praxen erzählt wird.
4Warum die Unterscheidung praktisch zähltSie entscheidet über Empfindlichkeit, Kariesrisiko und Prognose.
6 MinutenVertiefung3 Selbstcheck-Fragen4 Quellen

„Das kommt vom Fluorid, hat man mir gesagt“

Recall8 Jahre. An den ersten bleibenden Molaren zeigen sich cremig-weiße Flecken, an einem Zahn ein bräunlicher Einbruch. Der Zahn reagiert empfindlich auf Kälte. Die Flecken sind an den vier Molaren unterschiedlich stark ausgeprägt. „Der Zahnarzt vorher hat gesagt, das kommt von zu viel Fluorid. Stimmt das?“

Zwei Angaben sprechen dagegen: die unterschiedliche Ausprägung an den vier Molaren und der Substanzverlust.

Der springende PunktFluorose entsteht systemisch und trifft deshalb alle gleichzeitig mineralisierenden Zähne gleichmäßig. MIH ist asymmetrisch und ungleich verteilt.

Die diagnostischen Kriterien

Die europäische Fachgesellschaft hat für MIH klare Kriterien formuliert. Kennzeichnend sind abgegrenzte Opazitäten im okklusalen und bukkalen Kronenbereich, deren Farbe von weiß über cremefarben bis gelb oder bräunlich reicht. Defekte unter einem Millimeter Größe sollen nicht gewertet werden. Für die Diagnose muss mindestens ein erster bleibender Molar betroffen sein.

Weitere Merkmale sind der Verlust der zunächst gebildeten Schmelzoberfläche nach dem Durchbruch — typischerweise im Bereich einer vorbestehenden Opazität — sowie Empfindlichkeit, die von leichter Reizantwort bis zu spontaner Überempfindlichkeit reicht.

Die Fachgesellschaft unterscheidet leicht und schwer. Leicht bedeutet abgegrenzte Opazitäten ohne Schmelzeinbruch, gelegentliche Empfindlichkeit auf äußere Reize wie Luft oder Wasser, aber nicht beim Zähneputzen, sowie allenfalls leichte ästhetische Beeinträchtigung. Schwer heißt: Opazitäten mit Einbruch, spontane und anhaltende Überempfindlichkeit, die Funktionen wie Putzen und Kauen beeinträchtigt, sowie deutliche ästhetische Belastung mit möglichen psychosozialen Folgen.

Die aktualisierte Bewertung bestätigt eine multifaktorielle Entstehung. Dauer, Stärke und Zeitpunkt der einwirkenden Faktoren bestimmen, wie der Defekt klinisch aussieht. Ausdrücklich kein Zusammenhang fand sich unter anderem mit Masern, Sinusitis, Gelbsucht, Rhinitis, Mangelernährung, Halsinfektionen und Allergien. Wer Eltern eine Einzelursache nennt — etwa ein bestimmtes Antibiotikum — geht über die Datenlage hinaus.

Die beiden nebeneinander

Merkmal Fluorose MIH
Verteilung symmetrisch, alle gleichzeitig mineralisierenden Zähne asymmetrisch, ungleich ausgeprägt
Begrenzung diffus, oft streifig scharf abgegrenzte Opazität
Farbe weiß bis kreidig weiß, cremefarben, gelb oder bräunlich
Substanzverlust in leichten Formen keiner Einbruch nach Durchbruch möglich
Empfindlichkeit in der Regel keine häufig, bis zur Spontanüberempfindlichkeit
Folgen meist ästhetisch Kariesrisiko, Restaurationsbedarf, Behandlungsbelastung
⚠️ Ein verwandter Befund

Dieselben abgegrenzten Opazitäten kommen auch an zweiten Milchmolaren vor. Dieser Befund ist als eigene Entität beschrieben und gilt als Hinweis darauf, dass später MIH auftreten kann — bei betroffenen Kindern lohnt der genauere Blick auf die durchbrechenden Sechsjahrmolaren.

Drei Fragen

An den vier ersten bleibenden Molaren eines Achtjährigen zeigen sich unterschiedlich stark ausgeprägte, scharf abgegrenzte cremefarbene Flecken, an einem davon ein Einbruch. Welche Aussage trifft nicht zu?

Die dritte. Fluorose entsteht systemisch während der Mineralisation und trifft die betroffenen Zähne deshalb gleichmäßig. Eine ungleiche Ausprägung an den vier Molaren spricht dagegen.Offene FrageUnd wenn beides zugleich vorliegt? Das kommt vor und macht die Beurteilung schwierig. Dann tragen die Abgrenzung des einzelnen Flecks und die Frage nach Substanzverlust mehr als das Gesamtbild.

Welche Aussagen zur MIH treffen zu?

Drei. Für Allergien fand die Bewertung ausdrücklich keinen Zusammenhang, und eine gesicherte Einzelursache gibt es nicht — Dauer, Stärke und Zeitpunkt der Einflüsse wirken zusammen.Offene FrageWarum hält sich die Antibiotika-Erklärung dann? Weil sie eine einfache Antwort auf eine Elternfrage bietet. Sie ist aber nicht belegt, und sie verlagert die Ursache in eine Entscheidung, die Eltern womöglich bereuen.

Was folgt aus der Unterscheidung praktisch?

Die erste. Leichte Fluorose ist überwiegend ein ästhetisches Thema. MIH bringt Empfindlichkeit, erhöhtes Kariesrisiko und häufig Behandlungsbedarf mit sich — und damit ein ganz anderes Betreuungskonzept.Offene FrageWas macht MIH-Zähne behandlungstechnisch so anspruchsvoll? Der poröse Schmelz erschwert die Haftung, und die Überempfindlichkeit erschwert die Anästhesie. Beides zusammen macht diese Zähne zu einem eigenen Thema — dazu gibt es eine eigene Lektion.

Das, was hängenbleiben soll

Symmetrisch und diffus heißt Fluorose. Ungleich und scharf begrenzt heißt MIH.

Quellen

  • Lygidakis NA, Wong F, Jälevik B, Vierrou AM, Alaluusua S, Espelid I. Best clinical practice guidance for clinicians dealing with children presenting with molar-incisor-hypomineralisation (MIH) — an EAPD policy document. European Archives of Paediatric Dentistry 2010; 11: 75–81. Enthält die diagnostischen Kriterien.Deckt ab: diagnostische Kriterien der MIH: abgegrenzte Opazitäten, Farbe, Mindestgröße, betroffene Zähne
  • Lygidakis NA, Garot E, Somani C, Taylor GD, Rouas P, Wong FSL. Best clinical practice guidance for clinicians dealing with children presenting with molar-incisor-hypomineralisation (MIH) — an updated European Academy of Paediatric Dentistry policy document. European Archives of Paediatric Dentistry 2022; 23: 3–21.Deckt ab: aktualisierte Bewertung der Ätiologie, Schweregradeinteilung und Abgrenzung verwandter Befunde
  • Bundesinstitut für Risikobewertung. Für gesunde Zähne: Fluorid-Vorbeugung bei Säuglingen und Kleinkindern. Stellungnahme zur Abwägung zwischen Kariesprävention und Fluoroserisiko.Deckt ab: Entstehung der Zahnfluorose, Zusammenhang mit der Gesamtfluoridaufnahme und Prävalenzangaben
  • S2k-Leitlinie „Fluoridierungsmaßnahmen zur Kariesprophylaxe“, AWMF-Register-Nr. 083-001, federführend DGZMK, DGZ und DGKiZ.Deckt ab: Fluoridaufnahme und Fluoroserisiko, Grenzwerte der Gesamtaufnahme

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